Buße - Mehr als »Es tut mir leid«

Bis jetzt haben wir jene Begriffe des Neuen Testaments studiert, die das beschreiben, was Gott für die Versöhnung, Rechtfertigung und Erlösung sowie zum Loskauf und zur Wiedergeburt des Menschen getan hat. Nun müssen wir damit beginnen, die Begriffe zu studieren, die beschreiben, was wir tun müssen, um aus den Segnungen Gottes Nutzen zu ziehen und Anteil zu haben an dem, was er getan hat, tut und noch tun wird.

Der erste dieser Begriffe ist »Buße«. Die erste öffentliche Ansprache Christi war folgende: »Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium« (Mk 1,15).

Gemäß der Aussage Christi ist Buße ein Anlass zu großer Freude: »Ebenso, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut« (Lk 15,10). Buße ist auch heilsam. Wie der Regen die Erde aufweicht und es dem Samen ermöglicht, zu keimen und zu wachsen, so öffnet Buße den Weg für geistliches Leben. Das Neue Testament beschreibt es so: »Also hat Gott auch den Nationen die Buße gegeben zum Leben« (Apg 11,18).

Jedoch ist Buße eine umfassende Angelegenheit. Damit sie wahr, heilsam und wirksam ist, sind sämtliche Bestandteile notwendig. Zum Beispiel kann volle Buße auch gesunde Trauer beinhalten: »Denn die Betrübnis Gott gemäß bewirkt eine nie zu be­ reuende Buße zum Heil« (2Kor 7,10). Andererseits gibt es eine der echten Buße fremde Trauer, die sich nicht nur als wirkungslos erweist, indem sie nicht zur Errettung und zum Leben führt, sondern sogar krank macht und destruktiv ist. »Die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod« (2Kor 7,10).

Ein treffendes Beispiel dafür ist Judas, der Jesus verraten hat. Als er sah, dass Jesus verurteilt war, »reute es ihn«. Er versuchte, seine böse Tat ungeschehen zu machen, aber das stellte sich als unmöglich heraus. Er hätte natürlich zum Kreuz laufen und Jesus um Gnade und Vergebung bitten können, so wie es der sterbende Räuber tat. Aber nein! Seine Art der »Buße« war nicht die volle und heilsame Buße, zu der uns das Neue Testament ruft. Es handelte sich nur um ein Bedauern und um Reumütigkeit. Seine Haltung führte nicht zum Leben und zur Errettung. Ganz im Gegenteil – Judas ging weg und erhängte sich (Mt 27,3-5).

Durch Übersetzungen und durch den alltäglichen Gebrauch wurde die neutestamentliche Bedeutung von Buße oft verzerrt. Deshalb müssen wir den Begriff sehr sorgfältig untersuchen. Im griechischen Urtext des Neuen Testaments werden zwei Wörter für Buße verwendet:

1. metanoia und das verwandte Verb metanoeo. Die grundlegende Bedeutung dieser Worte ist »eine Veränderung des Denkens«. Verschiedene Emotionen und Gefühle können, müssen aber nicht, zu dieser Veränderung des Denkens führen, damit einhergehen oder daraus entspringen. Aber das Hauptelement befindet sich im Bereich der Gedanken. Es umfasst die Anwendung moralischer Beurteilung.

2. metamelomai und das unpersönliche Verb metamelei. Auch diese beiden Verben werden benutzt, um den Gedanken der Buße auszudrücken; aber sie betonen mehr die Trauer darüber, etwas getan zu haben.

Buße ist also in erster Linie ein verändertes Denken, eine Umkehr von den früheren moralischen Urteilen, eine Abwendung von den früheren Verhaltensweisen. Sie hat ein negatives Element in sich. So spricht das Neue Testament über die Buße von falschen und bösen Dingen, z. B. »Buße von toten Wer­ken« (Hebr 6,1). Aber sie beinhaltet auch ein positives Element: »Buße zu Gott« (Apg 20,21). Man beachte, wie die folgende Textstelle das geistige Element (unsere Gedanken und Gottes Gedanken), das negative Element (Verlassen des bösen Weges) und das positive Element (Umkehr zu dem Herrn) betont.

»Der Gottlose verlasse seinen Weg und der Mann des Frevels seine Gedanken; und er kehre um zu dem HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserem Gott, denn er ist reich an Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR« (Jes 55,7-8).

Es gibt drei große Bereiche, in denen wir zur Buße aufgerufen werden:

1. In Bezug auf Gott: Wenn wir Atheisten sind, dann ist es klar, dass Buße heißt, unseren Atheismus abzulegen und die Existenz Gottes anzuerkennen. Aber es sind nicht nur Atheisten, die eine Buße zu Gott brauchen. Es ist möglich, an die Existenz Gottes zu glauben, aber ihn doch in der Praxis zu ignorieren, alle seine Gebote, Buße zu tun und sich erretten zu lassen, zu missachten, seine Gebote zu verhöhnen und so zu leben, als ob er nicht da wäre. Das ist in einem mehr oder weniger großen Ausmaß bei jedem von uns der Fall gewesen. »Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen Weg« (Jes 53,6). Buße zu tun, heißt nichts weniger, als sich von den Götzenbildern zu Gott bekehren (d. h. von allem, was wir an die Stelle des einen wahren Gottes gesetzt haben), um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen (1Thes 1,9).

2. In Bezug auf uns selbst: Das Neue Testament fordert zwei verschiedene Stufen der Buße. Weil man das so leicht übersieht, beginnen wir mit einer Illustration zur Unterscheidung der beiden.

Ein etwa 50-jähriger Mann fühlt sich sehr schlecht. Er geht zum Arzt. Nach einer gründlichen Untersuchung sagt ihm dieser, dass das viele Rauchen der Grund seiner Krankheit ist. Der Mann sagt: »Ja, ich verstehe das und möchte davon umkehren. Bitte geben Sie mir etwas, das mir hilft, damit aufzuhören.« So weit, so gut. Der Mann hat von der einzelnen Sünde des Rauchens Buße getan. Aber der Arzt sagt: »Nun, es ist gut, dass Sie so weise sind und aufhören wollen, aber das allein kann Sie nicht retten. Ihre Lungen sind total zerstört, und Ihr Herz ist ernsthaft geschädigt. Das Einzige, das Sie noch retten kann, ist eine Herz-Lungen-Transplantation durch einen Chirurgen.«

Jetzt ist die entscheidende Frage: Ist der Mann bereit, auf dieser wesentlicheren Ebene Buße zu tun? Das heißt: Wird er dem Arzt zustimmen, dass sein Zustand so schlecht ist, dass das bloße Aufgeben des Rauchens ihn nicht retten kann, sondern nur ein neues Herz und eine neue Lunge?

Angenommen, der Mann verwirft die Beurteilung des Arztes: »Nein, ich bin nicht bereit für eine so drastische Operation. Ich bin nicht so krank, wie Sie sagen. Ich glaube, dass ich wieder gesund werde, wenn ich mit dem Rauchen aufhöre.« Was wird passieren? Er wird sehr bald sterben!

Wenn er andererseits auf dieser wesentlichen Ebene Buße tut, der Diagnose des Arztes zustimmt, sich einer Operation unterzieht und das Herz und die Lunge einer anderen Person empfängt, wird es immer noch wichtig sein, dass er von der Sünde des Rauchens Buße tut. Der Chirurg wird wahrscheinlich beim Verlassen des Krankenhauses zu ihm sagen: »Ich bestehe darauf, dass Sie nun das Rauchen total aufgeben. Und wenn Sie jemals der Versuchung, wieder zu rauchen, erliegen sollten, dann kommen Sie sofort, und ich werde Ihnen etwas geben, um diese Versuchung zu überwinden.«

So ist es auch mit uns. Gottes Urteil über uns ist, dass wir so schlecht sind, dass die Buße von einzelnen Sünden, so wichtig sie ist, uns nicht retten kann. Wir brauchen das, was man eine radikale Buße nennen könnte. Das heißt, dass wir nicht nur mit Gottes Urteil über unsere Sünden übereinstimmen, sondern auch mit seinem Urteil über uns selbst. Es geht nicht nur um die Frage, was wir getan haben, sondern auch darum, was wir sind. Gottes Urteil ist nicht nur, dass wir in der Vergangenheit gesündigt haben und auch in der Gegenwart immer noch nicht an seinen Maßstab der Heiligkeit heranreichen (Röm 3,23), sondern dass wir von unserer Natur her »Kinder des Zorns« sind (vgl. Eph 2,1-3). Unsere eigene Natur ist sündig und ruft Gottes Missfallen hervor. Das heißt natürlich nicht, dass jeder Teil von uns so böse ist, wie er nur sein kann. Es heißt, dass kein Teil von uns frei ist von dieser Beschädigung, die durch die Sünde verursacht wurde.

Ein Baum wird nicht zu einem Apfelbaum, indem er Äpfel trägt. Er trägt Äpfel, weil er von Natur aus ein Apfelbaum ist. Wenn man alle Äpfel von dem Baum pflückt, bleibt es dennoch ein Apfelbaum! Wenn man nur seine Sünden bekennt, seien es viele oder wenige, ist das so, als ob man die Äpfel vom Baum pflückt. Dabei unterbleibt jedoch die Lösung des Problems, bei dem es darum geht, was wir von unserer Natur her sind. Tatsache ist, dass wir, wie es Johannes der Täufer ausdrückt, »schlechte Bäume« sind, die es verdienen, abgehauen und in das Feuer geworfen zu werden (Mt 3,10).

An diesem Punkt lehnen es jedoch viele Menschen ab, Gottes Urteil zu akzeptieren. Sie lehnen es ab, Buße zu tun. Sie sind bereit zuzugeben, dass sie schlechte Dinge getan haben – außerordentlich schlechte Dinge vielleicht. Sie mögen sogar zugeben, dass es dunkle Bereiche in ihrem Charakter gibt. Aber sie halten an der Vorstellung fest, dass es ausreicht, wenn sie über die früheren falschen Taten Buße tun und Gottes Hilfe zum Brechen der schlechten Gewohnheiten suchen. Dadurch hoffen sie, dass sie im Grunde doch so gute Menschen sind, für die sie sich immer gehalten haben. Damit meinen sie, eine gute Chance zu haben, sich für Gottes Himmel zu qualifizieren.

Aber das ist eine Illusion, wie Christus selbst aufzeigt:

»Denn es gibt keinen guten Baum, der faule Frucht bringt, noch andererseits einen faulen Baum, der gute Frucht bringt; denn jeder Baum wird an seiner eigenen Frucht erkannt; denn von Dornen sammelt man keine Feigen, noch liest man von einem Dornbusch eine Traube« (Lk 6,43-44).

Es hat für einen Dornbusch keinen Zweck zu sagen: »Ich gebe zu, einige Dornen hervorgebracht zu haben. Aber ich bin in Wirklichkeit kein Dornbusch. Im Grunde bin ich ein Feigenbaum.«

Radikale Buße bedeutet also, dass man seine eigene Einschätzung bezüglich sich selbst aufgibt und Gottes Urteil zustimmt, nämlich dass uns die Buße von einzelnen Sünden nicht retten kann. Wir brauchen neues, geistliches Leben aus einer Quelle, die außerhalb von uns selbst liegt. Diese Quelle ist Christus, der für uns starb und nun lebt, um unser Retter zu sein.

Dies ist die eigentliche historische Bedeutung der christlichen Taufe. Die Taufe ist eine symbolische Beerdigung, erklärt uns das Neue Testament. Dabei bekennt der Kandidat öffentlich, dass er Gottes Urteil akzeptiert, d. h. er bekennt, nichts anderes als den Tod und das Grab verdient zu haben. Es handelt sich bei der Taufe nicht um eine magische Handlung, bei der irgendwie die schlechten Teile einer Person weggewaschen werden und die guten Teile erhalten bleiben und gedeihen können. Bei der Taufe wird vielmehr die ganze Person beerdigt – ebenso wie auch in der physischen Welt: Wenn jemand als Mörder hingerichtet wird, wird der ganze Mensch getötet und beerdigt – nicht nur sein böses Temperament oder die Eifersucht, die ihn zu dem Mord trieb. Gleicherweise macht die Todesstrafe dem ganzen Leben ein Ende. Es wird nicht nur das bisherige Leben ausgetilgt, und den Rest des Lebens kann man dann weiterleben, so gut es eben geht. Nein, eine solche Strafe ist endgültig. Das ganze Leben ist beendet. Der Tod muss und kann nicht mehr wiederholt werden.

Auch als Christus für unsere Sünden starb, starb er ein einziges Mal; er wird nicht ein weiteres Mal sterben, weil das nicht mehr nötig ist (siehe Röm 6,6-11). Durch seinen Tod bezahlte er die komplette Strafe für die Sünden derer, die ihn als Retter annehmen, für die Sünden ihres ganzen Lebens – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wenn also jemand getauft wird, erklärt er damit gleichzeitig, dass er Christus als Stellvertreter und Retter akzeptiert, der von Gott dafür vorgesehen wurde; und indem er Christus annimmt, wird er eins mit ihm, genauso wie ein Mann und eine Frau eins werden, wenn sie heiraten (1Kor 6,15-17). Deshalb ist es in Gottes Augen so, dass bei Christi Tod auch der Gläubige starb; als Christus begraben wurde, wurde auch der Gläubige begraben; und das war im Sinne der Rechtsprechung für immer das Ende des sündigen Ichs. Der Betreffende spricht zusammen mit dem Apostel Paulus: »Ich bin mit Christus gekreuzigt« (vgl. Gal 2,19-20).

Taufe ist damit aber auch eine symbolische Auferstehung. Sie besagt, dass Gott, wie er Christus aus den Toten auferweckte, auch jeden, der Christus annimmt, ein völlig neues geistliches Leben gibt; nicht das alte Leben, das ein bisschen verbessert wurde, sondern ein neues Leben, das vorher nicht da war. Es ist nichts anderes als das Leben Christi selbst. Der Gläubige kann also wahrhaft sprechen (um die Aussage des Apostels Paulus zu vervollständigen):

»Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt lebe im Fleisch, lebe ich durch Glauben, durch den [Glauben] an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat« (Gal 2,19-20).

Es versteht sich von selbst, dass die Taufe nur ein Symbol ist. Sie bewirkt nicht den Tod und die Auferstehung, die sie symbolisiert. Sie ist wie ein Ehering. Eine unverheiratete Frau kann sich einen Ehering an den Finger stecken, aber das bedeutet nicht, dass sie jetzt verheiratet wäre. Der Ring bekommt erst Bedeutung, wenn sie einen Mann zu ihrem Ehemann nimmt. Also muss man auch, wie wir bereits besprochen haben, im radikalen Sinne Buße tun und Christus als Retter annehmen, bevor man getauft wird. Sonst ist die Taufe ein leeres Symbol, eine Darstellung von etwas, das überhaupt nicht wahr ist!

3. Der nächste Bereich, in dem wir aufgerufen sind, Buße zu tun, ist in Bezug auf unsere Sünden. Die Person, die radikal Buße getan und Christus als Retter angenommen hat, ist nun vom Gesetz her frei. Sie muss sich nicht länger abmühen, sich selbst zu verbessern, um sich die Annahme bei Gott zu verdienen: Sie ist bereits angenommen. Aber gerade weil diese Person um Christi willen von Gott angenommen ist, wird von ihr erwartet, ein wahrhaft christliches Leben zu entfalten. Das bedeutet, Gottes Wort zu lesen und zu entdecken, welche Haltungen und Taten Gott als sündig ansieht, darüber Buße zu tun und sie mit Christi Kraft und Hilfe auszumerzen. Und falls der Betreffende in Schwachheit und Versuchung zu Fall kommt, wie es von Zeit zu Zeit vorkommen wird, ist er aufgefordert, es Gott zu bekennen. Die Verheißung ist: »Wenn wir unsere Sünden be­ kennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit« (1Jo 1,9). Diese Art von Buße ist also eine lebenslange Beschäftigung. Man muss sie täglich wiederholen (Offb 2,5.16.21; 3,3).

Einige weitere Kennzeichen echter Buße

1. Buße ist nicht bloß eine Angelegenheit von Worten. Sie wird sich in Taten ausdrücken, die zeigen, dass die Buße echt ist. »Bringt nun der Buße würdige Frucht«, sagte Johannes der Täufer (Mt 3,8).

2. Gleichzeitig verdient man sich durch Buße nicht die Errettung. Sündenvergebung hängt nicht von der Trauer ab, die wir über unsere Sünde empfinden Auch kann sie nicht durch Bußtaten verdient werden. Vergebung bleibt ein absolut freies und unverdientes Geschenk an bankrotte Sünder, das man nur durch Glauben annehmen kann. Deshalb muss die »Buße zu Gott« mit »Glauben an unseren Herrn Jesus Christus« einhergehen (Apg 20,21).

3. Buße ist dringlich. »[Gott] gebietet … jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen …« (Apg 17,30-31). Christus selbst erinnert uns: »Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso um­ kommen« (Lk 13,3.5).