Das Letzte Gericht - Eine bittersüße Realität

Der Gedanke, dass schließlich Gerechtigkeit hergestellt wird und Übeltäter bestraft werden, sollte jeden vernünftigen Menschen mit tiefer Befriedigung, wenn nicht sogar mit Jubel erfüllen. Ein biblischer Poet drückte es seinerzeit so aus:

»Singt dem HERRN Psalmen mit der Laute [...] Mögen die Ströme in die Hände klatschen, mögen jubeln die Berge allesamt vor dem HERRN, denn er kommt, die Erde zu richten: Er wird den Erdkreis richten in Gerechtigkeit und die Völker in Geradheit« (Ps 98,5-9).

Sogar Atheisten, die nicht an ein letztes Gericht glauben, sollten sich wünschen, dass es eines gäbe. Sie können sicher nicht darüber glücklich sein, dass gemäß ihrer Theorie Millionen von Menschen, die im Leben Ungerechtigkeit erlitten haben und ohne Rechtfertigung gestorben sind, niemals Gerechtigkeit bekommen werden.

Und es gibt noch eine zweite Seite bei dieser Angelegenheit. Während einerseits jeder auf der Seite der Gerechtigkeit steht und unser moralisches Urteil darin übereinstimmt, dass Gerechtigkeit hergestellt werden muss, hat das menschliche Herz seine eigenen Beweggründe und schreckt vor dem Gedanken zurück, dass jedes menschliche Wesen einer ewigen Bestrafung ausgesetzt sein soll. Die Strafe scheint unvorstellbar hart und unverhältnismäßig. Sogar der menschliche Instinkt würde vorschlagen, dass die Gnade über absolute Gerechtigkeit triumphieren sollte; und wenn wir schon so empfinden – sollte Gott dann nicht per Definition erst recht so empfinden?

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum wir vor dem Gedanken an ein letztes Gericht zurückschrecken. Aus dem einfachen Grund: Jeder von uns erkennt, dass er selbst ebenfalls gesündigt hat und auch seine Sünden – nicht nur die Untaten notorischer Sünder – bestraft werden müssen. Und wenn Menschen das erkennen, neigen sie dazu, sich Einwände auszudenken, um sich selbst zu beweisen, dass es so etwas wie eine ewige Bestrafung nicht geben kann und nicht geben wird. Wir wollen einige dieser Einwände untersuchen.

Einwand 1: »Ein Gott der Liebe würde nie jemanden bestrafen!«

a) Erste Antwort: Genau das Gegenteil ist wahr. Gerade deshalb, weil Gott ein Gott der Liebe ist, wird er Sünder bestrafen. Wenn sich ein Drogendealer Ihre Tochter schnappt, sie drogenabhängig macht und ihr Gehirn ruiniert, wird Gott nie so handeln, als ob es ohne Bedeutung wäre. Er liebt Ihre Tochter. Jede Sünde ihr gegenüber ruft seinen Zorn hervor. Und wenn der Drogendealer nicht Buße tut, wird Gott seine Straftat nie vergessen, gerade weil Gottes Liebe ewig ist. Und das bedeutet, dass er auf den Drogendealer ewig zornig sein wird.

b) Zweite Antwort: Gott ist tatsächlich ein Gott der Liebe; und niemand hat uns je mehr über die Liebe Gottes mitgeteilt und uns ihre Realität mehr offenbart als Jesus Christus. Der vielleicht größte und bedeutendste Ausdruck der Liebe Gottes ist folgender: »Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe« (Joh 3,16). Gerade in diesem Vers sollten wir erkennen, dass sich die Liebe Gottes hauptsächlich in dem ausdrückt, was er für uns getan hat, um uns vor dem Verderben zu erretten. Er hat das größtmögliche von allen vorstellbaren Geschenken gegeben – sein eigenes Wesen, den Sohn Gottes persönlich! Und er hat diese Gabe gegeben, damit sündigen Menschen wie uns vergeben werden kann und sie nie die Bestrafung für ihre Sünden erleiden müssen. Aber noch einmal: Die Tatsache, dass Gott so weit gehen musste, um uns vor dem Verderben zu retten, muss in unserem Denken das Ausmaß verdeutlichen, was es heißt, wenn jemand verlorengeht.

Derselbe Eindruck entsteht durch die Worte Christi: »Wahr­ lich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, son­ dern ist aus dem Tod in das Leben übergegangen« (Joh 5,24). Hier ruft er uns zum Glauben und zum Vertrauen auf, damit er uns von aller Verurteilung freisprechen und uns vor dem ewigen Tod bewahren kann. Natürlich fragen wir, welches Recht er hatte, so etwas zu sagen, und auf welcher Grundlage er seinen Aufruf machte. Die erste Antwort ist, dass er ihn als derjenige machte, der beim Letzten Gericht der Richter sein wird: »Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn ge­ geben [...] und er hat ihm Gewalt gegeben, Gericht zu halten, weil er des Menschen Sohn ist« (Joh 5,22.27).

Die zweite Antwort ist, dass der Eine, der beim Letzten Gericht der Richter sein wird, auch derjenige ist, der am Kreuz für alle, die Buße tun und glauben werden, das Urteil und die Bestrafung durch das Gesetz Gottes ertrug, damit sie nie mehr selbst das Urteil und die Bestrafung tragen müssen. Aber die unvermeidliche Folgerung von dem ist: Wenn jemand Christi Aufruf zu Buße und Glauben ablehnt, wird er unausweichlich verlorengehen.

An diesem Punkt sollten wir deshalb auf die Textstelle zurückschauen, die wir im letzten Kapitel betrachteten (Offb 20,11-15), und bemerken, was genau der entscheidende Punkt ist, der bestimmt, ob eine Person in den Feuersee geworfen wird oder nicht. Hier sind die maßgeblichen Verse:

»… Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden geöffnet; und ein anderes Buch wurde geöffnet, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken [...]. Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.«

Beachten wir als Erstes, was dies nicht heißt. Die Stelle sagt nicht, dass eine Person, bezüglich derer herausgefunden wird, dass sie viele sehr böse Sünden begangen hat, in den Feuersee geworfen wird; oder dass eine Person, die nur ein paar wenige kleine Sünden begangen hat und diese durch das Tun vieler guter Werke ausgeglichen hat, nicht in den Feuersee geworfen wird. Nein, gemäß unserem Textabschnitt ist der entscheidende Punkt dieser: »Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen« (Offb 20,15).

Dieses Buch des Lebens ist das Buch des Lebens des Lammes (siehe Offb 21,27); und in diesem Buch stehen die Namen all derer, die Buße getan haben und an das Lamm Gottes glaubten. Weil es für sie die Strafe für ihre Sünden bezahlt hat, gibt ihnen das Neue Testament die herrliche Zusicherung: »Also ist jetzt keine Ver­ dammnis für die, die in Christus Jesus sind. [... Sie] werden [...] durch ihn gerettet werden vom Zorn« (Röm 8,1; 5,9). Und noch großartiger ist, dass alle, die so Christus als ihren Stellvertreter und Retter angenommen haben, in diesem Leben hier und jetzt wissen können, dass ihre Namen im Buch des Lebens geschrieben sind. Der Apostel Paulus und sein Mitknecht freuten sich darüber (Phil 4,3) – und auch wir dürfen uns freuen!

Wenn Menschen jedoch den von Gott gegebenen Retter ablehnen, wie es viele tun, werden ihre Namen nicht in das Buch des Lebens des Lammes geschrieben. Was kann Gott dann für ihre Rettung tun? Sie haben ihre eigene Wahl getroffen. Sie werden unausweichlich in den Feuersee geworfen und erleiden die Strafe und die Folgen ihrer Sünden. Aber sie können niemand anderen dafür verantwortlich machen als sich selbst. Sie werden Gott nicht dafür rügen können. Gott ist die Gesamtheit alles Guten. Es kann per Definition kein alternatives Paradies für jene geben, die ihn ablehnen. Auch steht Gott nicht in der moralischen Pflicht, das Unmögliche zu geben. Sie liebten die Finsternis mehr als das Licht, weil ihre Taten böse waren (Joh 3,19). Ihnen wird das gegeben, was sie selbst gewählt haben.

Betrachten wir nun ein anderes Merkmal von Gottes Gerechtigkeit. Allen, die Gottes Errettung ablehnen, wird es dahin gehend gleich ergehen, dass sie in den Feuersee geworfen werden. Aber nicht alle werden die gleiche Härte der Bestrafung erleiden müssen. Unser Abschnitt sagt uns, dass sie entsprechend ihren Werken gerichtet werden. Sogar in menschlichen Gerichtssälen können zwei Menschen wegen der gleichen Straftat überführt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden und doch verschieden hohe Strafen empfangen, weil es in dem einen Fall mildernde Umstände gab und in dem anderen nicht. Die wohlerzogene Dame, deren Stolz es ihr nicht erlaubte, sich zu demütigen, Buße zu tun und dem Retter zu vertrauen, wird das ewige Verlorensein erleiden; aber sie wird nicht in demselben Maß leiden wie, sagen wir, Hitler, mit dem Blut von Millionen an den Händen.

Darüber hinaus wollen wir (um zu sehen, dass Gott in seinen Handlungen gerecht ist) uns einen weiteren Gesichtspunkt seines Gerichtes in Erinnerung rufen. Alle, die ihren Glauben hinsichtlich der Errettung auf Christus setzen, werden ewig gerettet – nicht auf der Grundlage ihrer Werke, sondern aufgrund ihres Glaubens. Andererseits werden aber alle, die seit ihrer Bekehrung ihr Leben zur Freude Gottes gelebt haben, für ihre guten Werke belohnt. Wahre Gläubige aber, die trotzdem achtlos lebten und Werke hervorbrachten, die einfach ungenügend waren, werden Schaden leiden. Ihre unwürdigen Werke werden verbrennen, obwohl sie selbst errettet werden, doch so wie durchs Feuer (1Kor 3,14-15).

Einwand 2: »Aber Millionen von Menschen, die in den Jahrhunderten vor Christus lebten, und auch Millionen von Menschen danach haben nie von Jesus gehört. Wie kann es von Gott gerecht sein, sie zu verdammen, weil sie nicht an Jesus glauben?«

Aber das tut er ja gar nicht. Gott wird nie jemanden verdammen, weil er etwas nicht geglaubt hat, was er nie gehört hat (Joh 15,22-24). Aber alle Menschen wissen im Grunde ihres Herzens, dass es einen Gott gibt. Das Universum bietet genügend Beweise für seine Existenz. Und allen Menschen ist aufgrund ihres Gewissens bewusst, dass sie gegen Gott gesündigt haben (Röm 1,18 – 2,16). Denjenigen, die ihre Sünden bekennen und auf die Güte Gottes hoffen, wird vergeben werden. Der Tod Jesu und sein Opfer am Kreuz rechtfertigen vollkommen, dass Gott ihre Sünden vergibt, auch wenn sie nie von Jesus gehört haben (Röm 3,25). Deshalb werden Menschen dementsprechend gerichtet werden, wie sie auf das Licht reagierten, das sie hatten, und nicht gemäß dem Licht, das sie nie hatten.

Aber alle, die diese Artikel lesen, haben von Jesus gehört, und sie müssen sich von ihm warnen lassen, dass beim Letzten Gericht gewissenhaft dafür gesorgt wird, festzustellen, welches Licht jeder Einzelne hatte und welche Möglichkeit es gab, die Wahrheit zu wissen und zu glauben. Gemäß den Worten Christi sind es nicht die, die das meiste Licht haben, welche notwendigerweise die richtige Reaktion zeigen. Viele der gebildeten und religiösen Menschen unter den Zeitgenossen Christi waren weniger willig zu glauben als Heiden (Lk 11,29-32).

Einwand 3: »Es wäre ungerecht von Gott, jemanden für alle Ewigkeit für seine Sünden zu bestrafen – egal wie schlimm sie waren –, wo sie doch nur in der kurzen Lebenszeit von vielleicht siebzig Jahren begangen wurden!«

Aber dieser Einwand basiert auf einem doppelten Irrtum:

1. Hier nimmt man an, dass diejenigen, die in diesem Leben gesündigt und Gott und Christus abgelehnt haben, irgendwie in der kommenden Welt mit dem Sündigen aufhören würden und nicht mehr sündig seien. Aber das ist falsch.

2. Hier nimmt man auch an, dass Menschen, die sich in diesem Leben weigerten, Buße zu tun, in der kommenden Welt Buße tun und dem Retter vertrauen würden. Aber auch das ist nicht wahr. Diejenigen, die hier den Retter ablehnten und sich Gott widersetzten, werden auch hinterher den Retter ablehnen und sich Gott widersetzen. Sie sind einer ewigen Sünde schuldig (Mk 3,29). Der reiche Mann in der Geschichte, die unser Herr erzählte (Lk 16,19-31), stellte nach dem Tod fest, dass er von Gott getrennt war. Er zeigte in seinem Leid Anzeichen von Reue und Seelenqual, aber keinerlei Anzeichen echter Buße.

Einwand 4: »Wenn all das wahr wäre, dann würde ein Gott der Liebe die Menschen zur Buße und zum Glauben zwingen, sogar gegen ihren Willen!«

Nein, das würde er nicht. Eines der Dinge, die den Menschen von Tieren und Pflanzen unterscheiden, ist der Besitz des freien Willens. Der Mensch ist ein moralisches und geistiges Wesen, geschaffen im Bilde Gottes, mit der beeindruckenden Macht, wählen zu können, ob er seinen Schöpfer liebt und gehorcht, oder ob er ihn ablehnt. Gott wird einem Menschen diesen freien Willen nicht wegnehmen – nicht einmal, um ihn zu retten. Denn wenn er das täte, wäre der Gerettete nicht mehr länger ein menschliches Wesen, sondern sänke auf das Niveau eines Tieres, einer Pflanze oder sogar einer Maschine herab. Nebenbei bemerkt: Gott ist kein Diktator. Es ist einem Menschen möglich, ihn abzulehnen und ihm zu widerstehen und doch ewig zu existieren.

Einwand 5: »Wenn man das Denken der Menschen auf das lenkt, was mit ihnen nach dem Tod passiert, dann lenkt man sie davon ab, aus ihrem Leben hier auf der Erde das Beste zu machen, und schwächt ihre entsprechenden Bemühungen!«

Gerade das Gegenteil ist wahr. Der Glaube an Himmel und Hölle verleiht jedem Gedanken, jeder Haltung und jeder Tat unseres Lebens hier auf der Erde eine unendliche Bedeutung. Es ist die Ablehnung von Himmel und Hölle, welche die moralischen und geistlichen Werte der Menschen relativiert und herabsetzt.

Einwand 6: »Nur ein gefühlloses, unmenschliches Monster würde an eine ewige Hölle glauben und darüber predigen!«

Aber es war Jesus Christus (er hat uns mehr als jeder andere gelehrt, dass Gott Liebe ist), der uns durch seine Tränen vor der Wirklichkeit der Hölle gewarnt hat. Er sprach mehr über dieses Thema als über jedes andere in der ganzen Bibel. Er, der für uns starb, um uns vor der Hölle zu retten, warnt uns noch immer davor, nicht Buße zu tun, weil uns dann sein Tod nicht zugutekommt. Er wehklagt über die Unbußfertigen unserer Zeit, wie er damals über Jerusalem wehklagte: »Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Brut unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt« (Lk 13,34).

Durch diese Wehklage Christi hören wir den Herzschlag Gottes, unseres Schöpfers:

»Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht der Herr, HERR. So kehrt um und lebt« (Hes 18,32).

Deshalb wäre es weise von uns, wenn wir dem Beispiel jener Millionen während der ganzen Jahrhunderte folgen würden, die sich als Angehörige einer unzähligen Schar »von den Götzen­ bildern zu Gott bekehrt [haben], um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat – Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn« (1Thes 1,9-10).