Das Letzte Gericht - Gerechtigkeit für Alle

Unser instinktives Empfinden von Gerechtigkeit

Eine sehr interessante Tatsache ist, dass Kinder, sogar schon in jungem Alter, ein sehr starkes Gefühl dafür entwickeln, was gerecht ist und was nicht. »Das ist nicht gerecht!«, sagt das Kind, wenn sein kleiner Bruder ihm sein Spielzeug wegnimmt und die Eltern dem jüngeren Kind erlauben, es zu behalten und damit zu spielen. »Das ist nicht gerecht!«, sagt der Schüler, wenn der Lehrer ihn für etwas bestraft, das er in Wirklichkeit nicht getan hat.

Wenn wir älter werden, stumpft unsere Empörung gegenüber Ungerechtigkeit vielleicht aus dem einfachen Grund ab, weil wir so viele solcher Fälle erlebt haben, dass wir verhärtet und zynisch wurden. Trotzdem können wir immer noch in Wut geraten, wenn wir zum Beispiel sehen, wie jemand sagenhaft reich wird, indem er öffentliches Eigentum verkauft und den Erlös in seine eigene Tasche steckt. Wir mögen uns mit der Tatsache abfinden, dass wir selbst nichts dagegen tun können; aber wir protestieren immer noch: »Das ist nicht gerecht!«; und unser Protest beinhaltet – ausgesprochen oder nicht – das Empfinden, dass jemand etwas dagegen tun sollte: Ungerechtigkeit darf nicht länger Bestand haben; Betrüger, Lügner, Mörder und alle anderen Täter des Bösen sollten nicht ungestraft davonkommen!

Und doch zeigt uns die Geschichte – und auch unsere eigenen Erfahrungen bestätigen es –, dass genau das zu passieren scheint. Sogar Regierungen, deren Verantwortung es ist, Kriminelle zu bestrafen, sind allzu oft selbst der Korruption und manchmal ungeheuerlich krimineller Taten schuldig. Der Tod scheint am Ende alle wegzunehmen – ohne Unterschied: den Gesetzestreuen und den Gesetzesbrecher, den Heiligen genauso wie den Sünder. Müssen wir daraus schließen, dass Verbrechen und Sünde sowie geringfügige und schwerwiegende Ungerechtigkeiten nie eine Bestrafung erfahren werden und dass unser Empfinden von Richtig und Falsch nur eine uns verspottende Täuschung ist, sodass sich unsere Hoffnung auf Gerechtigkeit für immer zerschlägt?

Nein! Gemäß der Bibel ist Gott selbst der Ursprung unseres Empfindens von Richtig und Falsch. Der Schöpfer hat sein Gesetz in unser Herz geschrieben (Röm 2,14-15); und das Gewissen ist seine innere Prüfinstanz, die uns davor warnt, Gottes Gesetz zu brechen. Sie bezeugt uns, dass wir falsch handeln, wenn wir es brechen, und bereitet uns nach der bösen Tat Schuldgefühle.

Eines Tages, so versichert uns das Neue Testament, wird Gott erweisen, dass sein Gesetz gerecht und gut ist. Das Letzte Gericht, das Thema dieses Kapitels, wird kommen. In diesem Zusammenhang wird noch ein weiterer Begriff benutzt: Der »zweite Tod«. Dieser Ausdruck beschreibt den ewigen Zustand derer, die sich beim Letzten Gericht als Verurteilte wiederfinden.

»Und ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß, vor dessen Angesicht die Erde entfloh und der Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden. Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden ge­ öffnet; und ein anderes Buch wurde geöffnet, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. Und das Meer gab die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades gaben die Toten, die in ihnen waren, und sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Werken. Und der Tod und der Hades wurden in den Feuersee geworfen. Dies ist der zweite Tod, der Feuersee. Und wenn jemand nicht geschrie­ ben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen« (Offb 20,11-15).

Wann das Letzte Gericht stattfinden wird

Soweit der Einzelne betroffen ist, findet das Gericht nach dem Tod statt: »Und ebenso wie es den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht …« (Hebr 9,27). Aber wenn wir fragen, wie lange nach dem Tod jedes Einzelnen das Letzte Gericht kommt, lautet die Antwort: Das Letzte Gericht kommt, nachdem Himmel und Erde entflohen sind, d. h. bei oder nach dem Ende der Welt.

Nun ist es leicht zu verstehen, warum dies so sein muss. Eine Sünde, wenn sie einmal begangen wurde, kann eine Kettenreaktion auslösen, die noch fortdauert, auch wenn die Person, die sie begangen hat, bereits gestorben ist. Ein Vater kann z. B. durch seine harsche Behandlung und Lieblosigkeit den jungen Sohn psychisch schädigen. Der Sohn, der psychisch krank aufwächst, könnte sich verletzend seiner Frau, seinen Kindern, seinen Verwandten und Arbeitskollegen gegenüber verhalten, die dann als Ergebnis wiederum auch verwerflich reagieren könnten.

Gleicherweise haben die Schäden und Ungerechtigkeiten, welche die großen Tyrannen an Millionen Menschen verübt haben, nicht mit dem Tod der Tyrannen aufgehört; sie haben sich ausgebreitet wie Wellen auf einem Teich. Es wird nicht möglich sein, die wahre Bedeutung jeder einzelnen Sünde in vollem Ausmaß und gerecht zu bestimmen, bevor nicht das ganze verwobene Geflecht der menschlichen Geschichte am Ende der Welt vom Webstuhl abgetrennt wurde.

Die Gründlichkeit des Gerichts

Die oben zitierte Stelle aus dem Neuen Testament sagt: »… und Bücher wurden geöffnet [...]. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war.« Wir dürfen nicht annehmen, dass Gottes Bücher in ihren Aufzeichnungen genau unseren Büchern auf der Erde entsprechen; das Wort »Buch« ist hier eine Metapher. Aber es erinnert uns daran, dass Gott einen Bericht von allem hat, was jeder Mensch auf dieser Welt je gedacht, gesagt und getan hat. Gottes Fähigkeit, solche Berichte zu haben, sollte uns nicht undenkbar scheinen. Selbst der Mensch kann heutzutage Computer mit fast unbegrenzter Speicherkapazität herstellen.

Das Neue Testament erinnert uns auch daran, dass Menschen nach dem Tod nicht nur weiterexistieren, sondern auch in der Lage sind, sich an ihr vergangenes Leben zu erinnern – vielleicht sogar in größerem Umfang als in diesem Leben (Lk 16,25). Gott wird nicht nur die nach außen sichtbaren Taten richten, sondern auch das im Menschen Verborgene (Röm 2,16). Genauso wie wir unsere Taten auf Video aufnehmen und sie dann wieder ablaufen lassen können, damit wir in der Gegenwart Taten und Aussagen sehen können, die Jahre zurückliegen, so wird auch Gott vor den Augen der Menschen ihre verborgenen Gedanken und sichtbaren Taten ablaufen lassen können, die schon Jahre oder Jahrhunderte zurückliegen.

Das Gericht wird deshalb kompromisslos gerecht sein, da jeder Einzelne, wie unsere Textstelle sagt, entsprechend seinen Taten gerichtet wird. Niemand wird für etwas bestraft oder belohnt, das ein anderer tat.

Darüber hinaus wird der Richter (der kein anderer als unser Herr Jesus Christus sein wird; siehe Joh 5,22.27-29) auch berücksichtigen, welchen Kenntnisstand von Richtig und Falsch eine Person hatte oder nicht hatte. Er selbst sagt es so:

»Jener Knecht aber, der den Willen seines Herrn kannte und sich nicht bereitet noch nach seinem Willen getan hat, wird mit vielen Schlägen geschlagen werden; wer ihn aber nicht kannte, aber getan hat, was der Schläge wert ist, wird mit wenigen geschlagen werden« (Lk 12,47-48).

Ein Wilder kann einfach deshalb andere töten, weil er von Kindheit an in einem ungebildeten Stamm aufgezogen und dort gelehrt wurde, dass das Töten von Mitgliedern eines angrenzenden Stammes eine gute und ruhmvolle Sache ist. Was er tut, ist in Gottes Augen sündig; aber er wird nicht mit der gleichen Härte behandelt werden wie der Drogenbaron in einem zivilisiertem Land, der sehr wohl weiß, dass Mord Sünde ist, aber dennoch absichtlich Mitglieder eines rivalisierenden Drogenrings umbringt.

Und der Richter hat noch einen weiteren Grundsatz verkündet, der sein Urteil bestimmen wird:

»Jedem aber, dem viel gegeben ist – viel wird von ihm verlangt wer­ den; und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man desto mehr fordern« (Lk 12,48).

Ein Mensch mit einem ausgezeichneten Verstand und ausgezeichneter Gesundheit, der seine Talente selbstsüchtig einsetzt, um einfach seinen Wohlstand zu vermehren, sich nicht um die Leiden der Armen kümmert und keinen Versuch unternimmt, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, wird härter behandelt werden als ein armer, unbegabter Mensch, dessen Armut es ihm unmöglich machte, seinem Nachbarn zu helfen (Lk 16,19-31).

Die gemeinsame Bestimmung der Unbußfertigen und Ungläubigen

Die zugemessene Strafe wird also von Individuum zu Individuum unterschiedlich sein. Auf der anderen Seite wird die Bestimmung aller unbußfertigen und ungläubigen Menschen dieselbe sein. Sie wird in Offenbarung 20,11-15 als »der zweite Tod« und »der Feuersee« beschrieben.

a) Der zweite Tod: Der zweite Tod wird so genannt, um ihn vom körperlichen Tod zu unterscheiden, wie wir ihn hier auf der Erde kennen. Der körperliche Tod ist die Tür, durch die Menschen in die (für uns) unsichtbare Welt hinübergehen, die in unserem Abschnitt als »Hades« bezeichnet wird (was im Griechischen »das Unsichtbare« bedeutet). In dieser unsichtbaren Welt werden die Seelen der Unbußfertigen und Ungläubigen sozusagen aufbewahrt, um auf das Letzte Gericht zu warten. In derselben Weise kommt ja auf der Erde ein Verbrecher, wenn er festgenommen wird, zuerst in Untersuchungshaft, bis sein Fall vor dem Richter im Gerichtssaal verhandelt wird (vgl. Jud 6).

Um diese Seelen darauf vorzubereiten, sich vor Gericht zu verantworten, wird dem Letzten Gericht die Auferstehung vorausgehen. Die Seelen werden aus ihrem vorübergehenden Gefängnis freigegeben und mit ihren auferstandenen Körpern wiedervereinigt. Auf diesen Sachverhalt bezieht sich Offenbarung 20,13: »Und das Meer gab die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades gaben die Toten, die in ihnen waren.« Die Körper der im Meer Ertrunkenen (oder deren Asche auf die Wellen gestreut wurde) werden auferweckt; ihre aus dem vorübergehenden Gefängnis freigegebenen Seelen werden mit ihren Körpern wiedervereinigt. – Dies ist natürlich nur ein Beispiel von allen, die auf verschiedene Arten und an verschiedenen Orten starben.

Was passiert dann mit jenen, die im Letzten Gericht verurteilt werden? Werden sie dazu verurteilt, noch einmal durch die Erfahrung des körperlichen Todes zu gehen? Nein. Der körperliche Tod – die Tür, durch die wir aus unserer gegenwärtigen Welt in die unsichtbare Welt hinübergehen – wird keine Funktion mehr erfüllen. Er wird den Weg frei machen für einen anderen Tod, der sich davon unterscheidet und an die Stelle des körperlichen Todes tritt. In unserem Abschnitt wird er »der zweite Tod« genannt. Was für eine Art von Tod wird das sein?

1. Für den Einzelnen wird es ein Zustand des moralischen und geistlichen Todes sein. Erinnern wir uns an das vorherige Kapitel. Das Neue Testament erklärt, dass jede unbußfertige Person bereits in diesem Leben wegen der Verhärtung des Herzens tot ist, verfinstert am Verstand und dem Leben aus Gott entfremdet. Jeder ist geistlich tot, verstandesmäßig verdunkelt, emotional abgestumpft (Eph 2,1-3; 4,17-19). Das Leben auf dieser Erde gibt die Gelegenheit zur Buße, zur geistlichen Neugeburt und zum Teilhaben am Leben aus Gott – sowohl hier als auch in Ewigkeit. Aber wenn ein Mensch diese Möglichkeit verwirft, durch den Tod in die ewige Welt hinübergeht und beim Letzten Gericht verurteilt wird, dann wird ihn der zweite Tod für immer in diesem Zustand der Entfremdung vom Leben aus Gott festhalten. Das wird kein Auslöschen sein, sondern ein endgültiger und ewiger, geistlich toter Zustand, der nicht durch die belebende Barmherzigkeit Gottes erleichtert wird; auch gibt es keine Hoffnung auf Besserung.

2. Aber es handelt sich nicht nur um einen geistlichen Tod für jeden Einzelnen, sondern auch für die ganze Gesellschaft, in der er existiert. Sünde ist nicht nur eine geistliche Krankheit, an der jemand leidet, indem er total isoliert von allen anderen Sündern ist. Sie drückt sich auch in der Haltung und dem Verhalten gegenüber anderen aus. Menschen, die in diesem Leben eifersüchtig, neidisch, sexuell verdorben, betrügerisch, grausam, hochmütig oder streitsüchtig waren, werden nicht plötzlich dadurch, dass sie durch den körperlichen Tod gehen und vor dem Letzten Gericht erscheinen, in Heilige verwandelt. Der Tod bewirkt keinen Zauber. Die Beschreibung der Bibel von der kommenden Welt ist kein Märchen. Stellen Sie sich vor, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, die in solch einer geistlichen und moralischen Krankheit dahinsiecht und deren Zustand nicht gelindert wird durch die Gnade Gottes, die sie einst hätte empfangen können, aber nun endgültig und für immer verloren hat.

Das Neue Testament stellt die Segnungen des Lebens mit Gott und die Glückseligkeit der Erlösten im Himmel (neben anderen Dingen) dadurch heraus, dass sie ihnen die Art der Gesellschaft gegenüberstellt, die sich außerhalb befindet:

»Glückselig, die ihre Kleider waschen, damit sie ein Recht haben an dem Baum des Lebens und durch die Tore in die Stadt eingehen! Draußen sind die Hunde und die Zauberer und die Hurer und die Mörder und die Götzendiener und jeder, der die Lüge liebt und tut«

(Offb 22,14-15).

b) Der Feuersee: Der Bestimmungsort für die Unbußfertigen und Ungläubigen wird auch als Feuersee beschrieben. Auch wenn wir annehmen, dass dieser Ausdruck bildlich und nicht buchstäblich gemeint ist, können wir sicher sein, dass er auf eine Realität hinweist, die viel schrecklicher ist, als es jede buchstäbliche Interpretation ausdrücken könnte.

Dort wird in erster Linie der Schmerz darüber herrschen, sich dessen bewusst zu sein, dass man sich unter dem Missfallen Gottes befindet (Röm 2,4-6). Und in zweiter Linie muss man den Schmerz der Auswirkungen der sündigen Haltungen und Handlungen ertragen (Gal 6,7-8). Und drittens wird es dort die Qual der Gewissensbisse geben, verstärkt durch den Widerwillen und die Unfähigkeit, Buße zu tun wegen der Sünden, die diese Qualen hervorgerufen haben (Hebr 6,4-8).

Das Feuer wird die Menschen, die sich darin befinden, nicht auslöschen, wie es irdisches Feuer tun würde. Unser Herr Jesus beschrieb es mit den Worten: »… Hölle … wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt« (Mk 9,47-48). Wenn es nichts Brennbares mehr gibt, erlischt ein Feuer; und wenn ein Wurm kein Futter mehr hat, stirbt er. Aber weil sich die sündigen Haltungen der Verlorenen niemals ändern, wird der Schmerz von Gottes Missfallen, den sie auf sich ziehen, nie nachlassen. Und die Erinnerungen, die das Feuer der Gewissensbisse schüren, werden nie ausgelöscht werden.

Auf der anderen Seite scheint es so, dass durch das ewige Feuer die moralische und geistliche Verderbtheit der Verlorenen nicht weiter steigt, ebenso wie Salz die Verderbnis bei Fleisch aufhält (Mk 9,48-49). C. S. Lewis drückte es so aus: »Gott hat in seiner Gnade den Schmerzen der Hölle ein festes Maß gesetzt. Diese Qual kann möglicherweise eingegrenzt werden: Gott hat in seiner Gnade ewige Grenzen geschaffen und gebietet den Wellen, sich nicht weiter hochzuschaukeln.« Der moralischen und geistlichen Verdorbenheit jedes Einzelnen wird nicht erlaubt, ins Unermessliche zu wachsen, bis sie endlose Ausmaße annimmt. Durch Gottes Gnade wird sie so bleiben, wie sie beim Letzten Gericht war. Das »Feuer« wird alle weiteren Entwicklungen aufhalten.