Erlösung - Freiheit kostet

In diesem Kapitel untersuchen wir zwei weitere entscheidende Begriffe des Neuen Testaments. Sie heißen »Loskauf« und »Erlösung«.

In der Antike wurden sie allgemein in ihrem buchstäblichen Sinn verwendet, genauso wie heute. Menschen wurden entführt, und es wurde Lösegeld für sie gefordert. Ihre Verwandten und Freunde mussten dann für ihre Freilassung eine hohe Geldsumme bezahlen. Heutige Terroristen entführen ein Flugzeug und drohen damit, die Passagiere nacheinander umzubringen oder das ganze Flugzeug in die Luft zu sprengen, wenn man ihren Forderungen nicht nachkommt. Sie verlangen vielleicht kein Geld, sondern eventuell die Freilassung von anderen Terroristen, die von der Regierung festgenommen und inhaftiert worden sind. In diesem Fall benutzen wir immer noch Wörter wie »Preis«, »Kosten« oder »Lösegeld«, jetzt aber in einem bildlichen Sinn; und wir sagen, dass die Freilassung der Terroristen der Preis ist, den die Regierung bezahlen muss, um die Passagiere loszukaufen, wenn sie nicht das Risiko einer Erstürmung des Flugzeugs eingehen will.

Es ist hier wichtig zu bemerken, dass man das Wort »freikaufen« nur gebraucht, wenn man jemanden aus dem Gefängnis oder der Sklaverei freikauft oder aus der Todesgefahr in die Freiheit bringt. Man würde die Wörter »Loskauf« oder »Erlösung« nicht für die Handlung von korrupten Geschäftsmännern verwenden, die in einigen Ländern bereit sind, viel Geld zu bezahlen, um kleine Mädchen ihren armen Eltern abzukaufen, um sie dann als Kinderprostituierte zu missbrauchen. Diese kaufen die betreffenden Mädchen nicht, um sie zu befreien, sondern um sie zu versklaven.

Unter gewissen Umständen können Menschen sogar etwas erlösen bzw. loskaufen, was ihr Eigentum ist. Ein Mann, der in großen Geldschwierigkeiten ist, kann sich entscheiden, seine Uhr zu verpfänden. Der Pfandleiher nimmt die Uhr und gibt dem Mann einen gewissen Betrag Bargeld. Aber die Uhr wird nicht sofort sein Eigentum. Für eine gewisse Zeit bleibt die Uhr genau genommen Eigentum des ursprünglichen Besitzers. Aber wenn dieser tatsächlich wieder Besitzer seines Eigentums werden will, muss er es innerhalb dieser Zeit auslösen, d. h. zurückkaufen; und der Preis, den er bezahlen muss, wird natürlich viel höher sein als der Betrag, den er vom Pfandleiher dafür erhalten hat.

In der alltäglichen Sprache haben also die Wörter »Loskauf« und »Erlösung« Bedeutungen, die sich in Nuancen voneinander unterscheiden – manche buchstäblich, manche bildhaft. Genauso ist es im Neuen Testament, obwohl die Begriffe hier vom theologischen Zusammenhang her immer bildhaft gebraucht werden. Hier gibt es keinen Gedanken an eine Geldtransaktion. »Ihr [seid] nicht … mit Silber oder Gold erlöst worden«, sagt der Apostel Petrus (1Petr 1,18). Vielmehr ziehen sich durch alle neutestamentlichen Anwendungen die folgenden Themen:

1. Das Kaufen oder Loskaufen von Menschen, die verschuldet, versklavt und gefangen sind, denen Strafe droht oder die geistlich tot sind.

2. Immer wird gesagt, dass Gott oder Christus bezahlt bzw. erlöst. Nie heißt es, dass ein Mensch sich oder seinen Mitmenschen erlöst.

3. Die Bezahlung eines Preises oder Lösegeldes. Und hier ist es wieder nur Gott oder Christus, von dem gesagt wird, dass er den Preis bezahlt oder die Kosten der Erlösung trägt. Menschen werden nie aufgefordert, oder es wird ihnen nie erlaubt, etwas zu dem Preis für die Erlösung beizutragen. Das steht im krassen Gegensatz zu vielen Religionen, in denen von Menschen gefordert wird, die Errettung auf ihre Kosten durch ihre Eigenbemühungen oder sogar durch die Bezahlung von Geld zu bewirken. Als die Priester und Händler im Tempel in Jerusalem den Leuten den Eindruck vermittelten, dass sie für ihre Errettung bezahlen können und müssen, warf Christus sie alle hinaus (Joh 2,13-16).

4. Das Ziel der Erlösung ist immer, Menschen zu befreien und sie mit einem ewigen Erbteil reich zu machen.

Freiheit wovon?

1. Freiheit von der Schuld vergangener Sünden. Man kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Gott selbst kann die Geschichte nicht verändern. Was geschehen ist, ist geschehen. Was Gott uns in Christus anbietet, ist die Befreiung von der Schuld vergangener Sünden. Viele Menschen werden von der Vergangenheit verfolgt. So sehr sie auch versuchen zu vergessen, was geschehen ist, um wieder neu anzufangen, können sie doch die Schuld für ihre vorherigen Missetaten nicht abschütteln.

Andere, mit einem nicht so gut funktionierenden Gewissen, finden es leicht, ihre Vergangenheit zu vergessen, wie z. B. die Ehebrecherin im Buch der Sprüche (30,20), die »isst und wischt ihren Mund und spricht: Ich habe kein Unrecht begangen«. Aber solche Verantwortungslosigkeit bricht nicht die Kette von wirklicher Schuld (wir beschäftigen uns hier nicht mit psychologischen Schuldkomplexen). Vor einigen Jahren haben Räuber in Großbritannien einen Zug überfallen, den Lokführer lebensgefährlich verletzt und sich anschließend mit Millionen von Pfund nach Südamerika abgesetzt. Dort bestachen sie die Verantwortlichen, damit diese sie nicht auslieferten. Vielleicht fühlen die Räuber jetzt keine Schuld wegen ihrer kriminellen Tat. Aber das macht keinen Unterschied zu der Tatsache, dass, wenn sie auch nur einen Fuß auf britischen Boden setzen, sie sofort verfolgt und eingesperrt werden. Eines Tages wird sich jeder Mann und jede Frau im Gericht Gottes wiederfinden. Das bloße Vergehen von Zeit oder ein schlechtes Gedächtnis wird die Vergangenheit nicht ausgelöscht haben. Wenn sie Christus nicht erlaubt haben, die Schuld wegzunehmen, die sie an ihre Vergangenheit bindet, werden diese Ketten ewig bleiben.

Erlösung bedeutet, dass Gott diese Ketten für uns in diesem Leben brechen kann, wenn wir Buße tun. Diese Aktion, das Brechen der Ketten, wird Vergebung genannt. Im neutestamentlichen Griechisch bedeutet das am meisten benutzte Wort für Vergebung (aphesis) »Freilassung« oder »Freisprechung«. Es ist ein Wort, das benutzt wird, um jemanden aus dem Gefängnis freizulassen, einen Schuldigen freizusprechen oder einen Sklaven freizulassen. Und die Kosten für diese Freilassung bezahlt Christus: »Wir [haben] die Erlösung«, sagt das Neue Testament, »durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen« (Eph 1,7). Damit ist die Kette zerbrochen; sie wird nie wieder zusammengefügt. Die Erlösung, für die Christus bezahlt hat, ist eine ewige Erlösung (Hebr 9,11-12).

2. Freiheit von dem Fluch, den das Gesetz Gottes ausspricht. »Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist« (Gal 3,13).

Der Fluch, den Gottes moralisches Gesetz ausspricht, ist keine leere Worthülse. Es ist die Ankündigung der Strafe, die schließlich auf jede Übertretung des Gesetzes folgen muss. Einige mögen dazu neigen zu argumentieren, dass sie, weil sie nicht an Gott glauben, auch Gottes Recht nicht anerkennen, Gebote und Verbote zu erlassen oder Strafen aufzuerlegen. Aber das Argument ist falsch. Das moralische Gesetz des Schöpfers ist in jedes menschliche Herz geschrieben (Röm 2,14-16). Jedes Mal, wenn wir jemand anderen beschuldigen, sich moralisch falsch verhalten zu haben, jedes Mal, wenn wir uns selbst wegen eines moralischen Vergehens entschuldigen, jedes Mal, wenn wir uns selbst sagen, dass wir uns hätten besser verhalten sollen, und versprechen, es das nächste Mal besser zu machen, bezeugen wir – wahrscheinlich unabsichtlich – die Tatsache, dass das moralische Gesetz in unsere Herzen geschrieben ist und wir seiner Autorität und Gültigkeit zustimmen. Um ein Bild des Neuen Testaments zu benutzen, können wir es so vergleichen, als ob Gottes moralisches Gesetz auf ein Dokument geschrieben und uns vorgelegt wird. Jedes Mal nun, wenn wir andere beschuldigen, uns selbst entschuldigen oder beschließen, es nächstes Mal moralisch besser zu machen, setzen wir persönlich unsere Unterschrift unter das Dokument und stimmen seiner Autorität, seinen Forderungen und seinen Strafen zu.

Diejenigen, die nicht Buße tun, werden dieses »Dokument« mit ihrer eigenen Unterschrift darauf wiederfinden, hervorgeholt als Beweisstück gegen sie beim Letzten Gericht. Aber denjenigen, die Buße tun, wird von Gott selbst versichert, dass er diese rechtsverbindliche, von uns unterschriebene »Schuldurkunde«, in der wir unsere Schuld anerkennen, ausgetilgt hat; er hat »die uns entgegenstehende Handschrift« an das Kreuz Christi genagelt. Gott hat auf diese Weise vor dem ganzen Universum bekannt gemacht, dass Christus, indem er am Kreuz starb, den Fluch des Gesetzes für alle trug, die Buße tun und auf ihn vertrauen, damit sie frei ausgehen können (siehe Kol 2,13-15).

Die Kosten der Erlösung

Das Lösegeld, das für die Erlösung der Menschheit bezahlt wurde, war nichts weniger als der Tod Christi. Tatsächlich erklärte er selbst, dass dies der Hauptzweck seines Kommens auf unsere Erde war: »Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht ge­kommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele« (Mk 10,45). »[Ihr seid] erlöst«, sagt 1. Petrus 1,18-19, »mit dem kostbaren Blut Christi«.

Um die Höhe der Kosten des Lösegeldes zu fassen, müssen wir uns daran erinnern, wer Christus ist:

»… in dem wir [...] die Vergebung der Sünden [haben]; der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung. Denn durch ihn sind alle Dinge geschaffen worden, die in den Himmeln und die auf der Erde, die sichtbaren und die unsichtbaren, es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: Alle Dinge sind durch ihn und für ihn geschaffen. Und er ist vor allen, und alle Dinge bestehen durch ihn« (Kol 1,14-17).

Mit anderen Worten, der Erlöser ist niemand anders als der fleischgewordene Schöpfer. Jesus ist sowohl Gott als auch Mensch. Und so konnte er als Mittler zwischen Gott und Menschen fungieren und sich selbst als Lösegeld für alle geben (1Tim 2,5-6). Es war nicht so, wie einige Menschen es sich vorstellten, dass Jesus, der die Menschheit liebte, das Lösegeld an einen unfreundlichen Gott zahlen musste, um diesen dahin zu bringen, nicht seinen Zorn über die Menschheit auszugießen. Er, der das Lösegeld bezahlte, war Gott. Und die Liebe, die Christus dazu bewegte, sein Leben als Lösegeld für die Menschen zu geben, war der vollständige Ausdruck der Liebe des Vaters für die Menschen; denn Christus, der selbst Gott ist, war und ist das vollkommene Bild und der Abdruck des unsichtbaren Gottes. »Hierin ist die Liebe«, sagt das Neue Testament, »nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn ge­ sandt hat als Sühnung für unsere Sünden« (1Jo 4,10).

»Aber in diesem Fall«, mag jemand einwenden, »wenn Jesus das Lösegeld nicht an Gott bezahlt hat, an wen hat er es dann bezahlt? Denn er muss es ja an jemanden bezahlt haben.« Aber wenn man so argumentiert, hat man vergessen, was wir vorher schon anmerkten, dass nämlich der Begriff »Lösegeld« im Neuen Testament in dem Zusammenhang als Bild gebraucht wird, um die Kosten unserer Erlösung für Gott und für Christus auszudrücken. Die Kosten waren keine buchstäbliche Geldzahlung, die irgendein Dritter empfangen konnte. Die Kosten waren die des Leidens und des Todes.

Nehmen wir an, ein Rettungsboot ist überfüllt und steht in Gefahr zu sinken, und ein Mann springt freiwillig über Bord in das eiskalte Meer, wissend, dass das seinen Tod bedeutet. Wir könnten das gut so beschreiben, dass er einen sehr hohen Preis bezahlt hat, um das Leben der verbleibenden Passagiere zu retten. Aber es würde keinen Sinn ergeben, die Frage zu stellen: »An wen hat er diesen Preis bezahlt?«

Aber eine andere Frage taucht auf. Die Bibel lehrt, dass wir alle Gottes Geschöpfe und deshalb sein Eigentum sind. Warum muss dann Gott ein Lösegeld oder überhaupt etwas zahlen, um sein eigenes Eigentum zurückzukaufen? Zugegeben, wir haben uns selbst in sündige Gewohnheiten verstrickt, haben dem Satan in die Hand gespielt und sind seine Gefangenen geworden. Warum konnte Gott nicht einfach seine Allmacht einsetzen, Satan zerstören, unsere Ketten zerbrechen und die ganze Menschheit mit Gewalt zurückbringen – ohne ein Lösegeld bezahlen zu müssen?

Die Antwort ist, dass die Frage der Sünde eine moralische Frage ist; und man kann moralische Fragen nicht mit Gewalt lösen. Es gibt gewisse Dinge, die nicht einmal der allmächtige Gott tun kann. Er kann keine von der Logik her unmöglichen Dinge tun, wie z. B. einen viereckigen Kreis zeichnen. Genauso kann er keine moralisch ungerechten Dinge tun. Er kann nicht lügen (Tit 1,2). Er kann nicht sein eigenes moralisches Gesetz brechen. Sein Gesetz ist der Ausdruck seines eigenen Charakters. Wenn er es verleugnet, würde er damit sich selbst verleugnen; und das kann er nicht tun (2Tim 2,13). Es stand ihm nicht offen, die Ketten unserer Schuld einfach durch einen Akt seiner Macht nach eigenem Ermessen zu lösen. Der einzige Weg, dies zu bewerkstelligen, war, die Strafe zu bezahlen, die das moralische Gesetz forderte. Und das tat er aus Liebe zu uns! Deshalb die Kosten; deshalb die Leiden.

Freiheit wofür?

Wir haben weiter oben festgestellt, dass, wenn man jemanden freikauft, um ihn dann in Sklaverei zu bringen, der bezahlte Preis dafür nicht Lösegeld genannt werden kann. Christus hat nun das Lösegeld bezahlt, um die Menschen von der Schuld ihrer Sünden zu befreien und ihnen Freiheit zu geben. Aber Freiheit wofür? Nun, offensichtlich nicht, damit sie nun ungestraft mit dem Sündigen fortfahren können. Denn Sünde macht abhängig, und sie macht Sklaven aus denen, die sie beständig und unbußfertig ausüben (Röm 6,16-23). Hier ist nun eine Aussage, wovon und wofür Christus seine Jünger erlöst hat:

»Denn die Gnade Gottes ist erschienen, Heil bringend für alle Men­ schen, und unterweist uns, damit wir, die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnend, besonnen und gerecht und gott­ selig leben in dem jetzigen Zeitlauf, indem wir erwarten die glück­ selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus, der sich selbst für uns ge­ geben hat, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit loskaufte und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken« (Tit 2,11-14).

Wir müssen die Frage, wie Christus sicherstellt, dass sich dieser neue Weg des Lebens als ein Leben in Freiheit und nicht als ein Leben in religiöser Sklaverei herausstellt, in einem späteren Kapitel klären. Für den Moment wollen wir festhalten, dass das Neue Testament deutlich macht, dass wir die vollen Früchte unserer Erlösung noch nicht hier und jetzt bekommen. In den Segnungen, die Christi Erlösung für uns erwirkt hat, ist auch die »Erlösung unseres [körperlichen] Leibes« eingeschlossen. Aber dafür müssen wir bis zum Zweiten Kommen Christi warten (Röm 8,18-25; Phil 3,20-21).

Auf der anderen Seite gibt Gott allen, die Buße tun und ihr Vertrauen auf Christus setzen, jetzt schon die Gabe des Heiligen Geistes. Dieser Heilige Geist versichert allen Gläubigen, dass alle Verheißungen Gottes zuverlässig sind. Er selbst ist das Unterpfand des vollen Erbes, das sie eines Tages ganz in Besitz nehmen werden, wenn Gott alle Verheißungen einlösen und alle Menschen zu sich in den Himmel holen wird, die er einst mit dem Blut seines Sohnes erkauft hat (Eph 1,13-14; Apg 20,28).