Ewiges Leben - Im Hier und Jetzt

Eine der erhabensten Aussagen, die Jesus machte, als er hier auf dieser Erde wandelte, war, dass er Vollmacht hat, Männern und Frauen ewiges Leben zu geben (Joh 17,1-3).

Diese Aussage wurde, wie wir wissen, oft ins Lächerliche gezogen. Einige Kritiker haben angenommen, dass Jesus seinen Nachfolgern versprochen habe, dass sie nie körperlich sterben würden. Auf Grundlage dieser Annahme haben diese Kritiker dann daraus geschlossen, dass Jesus ein irregeführter religiöser Fanatiker gewesen sei, weil er selbst sehr bald danach gestorben ist; und das Gleiche geschah seither auch mit allen seinen Nachfolgern.

Aber diese Kritik basiert auf ziemlicher Ignoranz dessen, was Jesus sagte. Ein kurzer Blick in das Neue Testament zeigt, dass Jesus seine Jünger nicht nur nachdrücklich darauf hinwies, dass er bald gekreuzigt werden würde, sondern er sagte ihnen auch, dass sie nach seinem Weggang bereit sein müssten, ihr Leben für ihn hinzulegen (Lk 9,22; 12,4; Joh 16,1-3). Was auch immer Jesu Anspruch, dass er seinen Nachfolgern ewiges Leben geben konnte, bedeutete – er bedeutete nicht, dass diese nie körperlich sterben würden.

Andere, etwas seriösere Kritiker haben vorgeschlagen, dass dieses versprochene »ewige Leben« etwas sei, das gute Menschen vermutlich bekommen, nachdem sie diese Welt verlassen haben. Mit anderen Worten: »Sie gehen in den Himmel, wenn sie sterben.« Diese Kritiker verspotten damit die ganze Vorstellung als ein gefährliches Märchen, das alle Initiative lähmt. Hungernde Männer und Frauen, sagen sie, träumen von Rindersteaks; gleicherweise erfinden die Armen und Unterdrückten, die Enttäuschten und die Kranken einen Himmel in ihrer Vorstellung, um den Lebensschmerz zu unterdrücken und ihr Unglück zu mildern. Sie sagen, Atheisten haben keine Notwendigkeit für solch eine Droge. Sie haben den Mut und die Intelligenz, für die Verbesserung ihres Lebens zu kämpfen und am Ende der Realität des Todes in die Augen zu sehen, ohne ihren Verstand mit der Hoffnung auf einen eingebildeten Himmel in einer fernen Zukunft zu betäuben.

Nun ist es absolut wahr, dass das Neue Testament lehrt, dass Gläubige »in den Himmel gehen, wenn sie sterben«, obwohl es dort etwas anders ausgedrückt wird: »[Sie] scheiden [ab] und [sind] bei Christus«, oder: »[Sie sind] ausheimisch von dem Leib und einheimisch bei dem Herrn« (Phil 1,23; 2Kor 5,8). Aber der Vorwurf der Kritiker, dass diese Hoffnung auf einen zukünftigen Himmel notwendigerweise den Kampf der Leute, das Beste aus ihrem Leben hier auf der Erde zu machen, schwächt, wenn nicht gar zunichtemacht, ist offensichtlich falsch. Das Neue Testament macht ausreichend deutlich, dass das ewige Leben nicht etwas ist, das wir bekommen, wenn wir sterben und in den Himmel kommen. Es ist ein Leben, das wir hier und jetzt auf der Erde empfangen und genießen können – lange bevor wir sterben und in den Himmel kommen. Es ist sozusagen eine andere Dimension des Lebens – über und neben dem bloßen körperlichen, emotionalen und intellektuellen Leben, das menschliche Wesen von Natur aus genießen und das die Freude am Schönen einschließt. Es ist das Leben, auf das Christus hinwies, als er sagte: »Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht« (Mt 4,4).

Stellen Sie sich eine Ehe vor, die aus nichts weiter als körperlicher Vereinigung besteht – eine Ehe, in der Mann und Frau nie ein Wort miteinander wechseln, nie ihre innersten Gedanken austauschen, nie von ihren Hoffnungen, ihren Freuden, ihren Ängsten und Sorgen, ihrer Liebe zur Musik oder Kunst reden und sich nie gegenseitig kennenlernen. Eine solche Ehe ist nicht viel mehr als die Paarung von Tieren. Es würde die echte menschliche Dimension fehlen. Gleicherweise fehlt einem Menschen, der zufrieden ist, das Leben auf der körperlichen, ästhetischen, emotionalen und intellektuellen Ebene zu genießen, aber nichts von der geistlichen Gemeinschaft mit Gott weiß, die höchste Ebene des Lebens im Hier und Jetzt. Darüber hinaus steht ein solches Leben in größter Gefahr, auch das ewige Leben für die kommende Welt zu verpassen. Das Neue Testament spricht deutlich, wenn es sagt: »Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm« (Joh 3,36).

Hier müssen wir nun einen weiteren Unterschied verstehen: Das ewige Leben, von dem das Neue Testament spricht, ist nicht dasselbe wie ewige Existenz. Alle Menschen überleben den Tod ihres Körpers; alle werden ewig existieren. Aber einige werden in einem solchen Zustand existieren, den die Bibel nicht »ewiges Leben« nennt, sondern »den zweiten Tod« (Offb 20,11-15 [besonders Vers 14]; wir werden dieses Thema gegen Ende des Buches studieren).

An dieser Stelle werden vielleicht einige Kritiker protestieren, dass all das Gerede vom ewigen Leben, das man in diesem Leben genießen kann, nur eine Form der Selbsttäuschung sei. Es sei bloßer Subjektivismus; es entspräche keiner objektiven Wirklichkeit. Aber dasselbe könnte auch von unserer Freude an der Kunst gesagt werden; und es wäre genauso irreführend. Es stimmt, dass es Menschen gibt, die auf ein Meisterwerk der Kunst blicken und darin nur Farbkleckse auf einer Leinwand erkennen; und blinde Menschen können überhaupt keine Vorstellung von dieser Kunstform haben. Aber das beweist nicht, dass es die Welt der Kunst gar nicht gibt oder die Freude an Kunst eine psychologische Selbsttäuschung ist. Manche körperlich blinden Menschen wünschen sich gar nicht, sehen zu können. Ich kannte einmal einen Mann, der als Kind noch ein wenig sehen konnte, aber bald total blind wurde. Er war so, wie er war, zufrieden. Er hatte Angst, dass – wenn er das Augenlicht wieder bekäme – er recht verwirrt werden würde angesichts der tausend Dinge, die es zu sehen gibt und die das Leben sehr kompliziert machen können. Er zog die Einfachheit des Lebens ohne Augenlicht vor.

Ebenso gibt es viele, die erkennen, dass das Leben sehr kompliziert werden würde und radikale Veränderungen mit sich bringen könnte, wenn sie die Existenz Gottes und die Möglichkeit, ewiges Leben zu empfangen, anerkennen würden. Sie ziehen die Einfachheit des Atheismus vor. Und so behaupten sie, dass »Gott« und »ewiges« Leben nur eingebildete Dinge seien. Aber ihre Behauptung beweist nicht, dass dem so ist; sie zeigt vielmehr, dass sie geistlich blind sind.

Was heißt es also, ewiges Leben zu haben?

1. Ewiges Leben bedeutet, das Leben aus Gott zu teilen. In neutestamentlicher Terminologie sind Menschen, bevor sie in eine persönliche Beziehung mit Gott eintreten und ihn kennenlernen, tot. Nicht körperlich, aber geistlich.

Das bekannte Gleichnis vom verlorenen Sohn kann hier ein gutes Beispiel für die Verwendung des Wortes »Tod« geben. Der Vater sagte nach der Rückkehr des verlorenen Sohnes zu dem älteren Bruder: »Man musste doch fröhlich sein und sich freuen; denn dieser dein Bruder war tot und ist lebendig geworden, und verloren und ist gefunden worden« (Lk 15,32).

Der verlorene Sohn hatte seinem Vater den Rücken gekehrt und seine Heimat verlassen und war in ein fernes Land gezogen. Er hatte keine Liebe zu seinem Vater, kein Interesse an ihm. Er hat sich nie mit ihm unterhalten; er hatte nie den Wunsch, die Interessen oder das Leben des Vaters zu teilen. So weit es seinen Vater betraf, war der Sohn tot. Der Verlorene wurde »lebendig«, als er Buße tat, nach Hause kam und mit seinem Vater versöhnt wurde. Genauso beginnen Menschen, die Gott ignorierten und geistlich tot waren, geistlich zu leben, wenn sie Buße tun und mit Gott versöhnt werden.

Aber das geht noch weiter. Wenn Menschen Buße tun und sich Gott zuwenden, entdecken sie Gott nicht nur so, wie jemand die herrliche Welt der Kunst entdecken mag, für die er zuvor vollständig tot war. Wenn Menschen Buße tun, zu Gott umkehren und ihr Vertrauen auf Jesus setzen, bringt Gott in ihnen ein neues Leben hervor, das vorher nicht da war. In neutestamentlicher Terminologie wiederum heißt das: Gott »macht sie lebendig«. Er zeugt in ihnen sein eigenes geistliches Leben, so wie ein menschlicher Vater sein körperliches Leben dem Kind überträgt, das er zeugt.

»Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, wegen seiner vielen Liebe, womit er uns geliebt hat, hat auch uns, als wir in den Ver­ gehungen tot waren, mit dem Christus lebendig gemacht – durch Gnade seid ihr errettet« (Eph 2,4-5).

Eine Analogie: Eine elektrische Glühbirne, eingewickelt in die Verpackung, strahlt noch nicht. Man nehme sie aus der Verpackung, schraube sie in eine Lampe und stelle diese in einen Raum, der schon von einer Deckenlampe hell erleuchtet ist. Die Glühbirne ist nun umgeben von Licht aus der zentralen Lichtquelle, aber scheint immer noch nicht selbst; sie ist immer noch »tot«. Und sie wird »tot« bleiben, bis man sie an die gleiche elektrische Stromquelle wie die Deckenlampe anschließt. Aber wenn das passiert und der elektrische Strom durch die Glühbirne fließt – dann schauen Sie zu, wie die Glühbirne »lebendig« wird!

2. Mit dem Geschenk des ewigen Lebens wird eine persönliche Beziehung zwischen dem Empfänger und Gott hergestellt. Ein hochmoderner Computer kann es lernen, die Stimme dessen zu erkennen, der ihn benutzt. Alles, was der Mann tun muss, ist, in der Gegenwart des Computers zu sprechen, und der Computer wird all das Gesagte zu Papier bringen. Aber der Computer wird den Mann nie so kennenlernen, wie die Frau oder das Kind des Mannes ihn kennt; er wird ihn nie lieben, wie die Söhne und Töchter es tun. Der Computer hat kein menschliches Leben. Aber als der Mann seine Kinder zeugte und ihnen sein eigenes Leben übertrug, empfingen die Kinder zusammen mit dem Leben auch die Möglichkeit, ihren Vater kennen und lieben zu lernen und eine immer tiefer werdende Beziehung mit ihm zu genießen. Genauso ist es, wenn Gott sein eigenes geistliches Leben an Menschen überträgt: Dann erweckt er sie und schenkt ihnen die Wiedergeburt. Das formt eine Beziehung zwischen ihm und ihnen; und sie kennen und lieben ihn. Deshalb sagt das Neue Testament, dass »das ewige Leben [ist], [...] Gott und [...] Jesus Christus [zu] erkennen« (Joh 17,3) und durch Christus am wahren Leben aus Gott teilzuhaben (1Jo 1,1-4).

3. Ewiges Leben: ein gegenwärtiges Geschenk, ein immerwährender Besitz. Das erklärt, wie das ewige Leben – wie der Name es sagt – ewig sein kann. Wenn Gott diese geistliche Beziehung mit einer Person formt und sein eigenes Leben mit dieser Person teilt, ist diese Beziehung per Definition ewig. Der physische Tod des Körpers beendet sie nicht und kann sie auch nicht zerstören. Wenn Gott einmal diese persönliche Beziehung mit einer Person eingegangen ist und ihr das ewige Leben geschenkt hat, wird er für immer dieser Person treu sein und die Beziehung erhalten. Christus sagte: »Ich gebe ihnen [meinen Schafen] ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit« (Joh 10,28). »Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe« (Joh 3,16).

Ewiges Leben wird also durch den Tod des Körpers nicht beeinflusst. Der menschliche Körper, wie wir ihn hier auf der Erde kennen, wird im Neuen Testament mit einem Zelt verglichen, gut angepasst an unsere zeitweilige irdische Pilgerschaft, aber vergleichsweise anfällig, leicht zu zerlegen und abzureißen. Im Vergleich dazu erhält jeder Gläubige bei der Auferstehung einen verherrlichten Körper – geformt, um seine erlöste und vollendete Persönlichkeit darzustellen, und im Neuen Testament beschrieben als »ein Bau von Gott [...], ein Haus, [...] ein ewiges, in den Him­meln« (2Kor 5,1).

Darüber hinaus gehen zusammen mit dem ewigen Leben all die anderen Dinge einher, die Gott denen gibt, die bereit sind, Christus anzunehmen. So stellt das Neue Testament heraus, dass die Errettung ewig ist (Hebr 5,9); die Erlösung und ihre Auswirkungen sind ewig (Hebr 9,12); das Erbteil, das denen versprochen wird, die Gott vertrauen, ist ewig (Hebr 9,15); die Herrlichkeit, welche die Erfahrungen des Lebens und die Leiden für diejenigen bewirken, die Gott lieben, ist ebenso ewig (2Kor 4,17). Und das Wunderbare daran ist, dass ewiges Leben ein kostenloses Geschenk ist, das allen gegeben wird, die in wahrer Buße und im Glauben Jesus Christus sowohl als ihren Retter wie auch als ihren Herrn annehmen: »Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn« (Röm 6,23).

Das Potenzial ewigen Lebens

Ewiges Leben ist, genauso wenig wie das physische Leben, alles andere als statisch. Ein Baby hat, sobald es geboren ist, physisches Leben; aber in den vor ihm liegenden Wochen, Monaten und Jahren muss es lernen, das Potenzial dieses Lebens zu entdecken. So ist es mit dem ewigen Leben auch: Es ist voller Möglichkeiten und deshalb immer voller Hoffnung für die Zukunft. Im Neuen Testament werden diejenigen, die ewiges Leben empfangen haben, aufgefordert, »das ewige Leben zu ergreifen«, zu dem sie von Gott berufen sind. Genauso verhält es sich bei einem jungen Mann, der das Potenzial zu einem Weltklasse-Athleten hat: Man ermutigt ihn, seine Gabe nicht zu vernachlässigen, sondern voll auszuschöpfen (1Tim 4,7-8; 6,11-12). Und die größte Belohnung für die Entfaltung des Potenzials des ewigen Lebens ist, dass man sich immer mehr an diesem Leben erfreuen kann. »Wer aber für den Geist sät, wird von dem Geist ewiges Leben ernten«, sagt das Neue Testament (Gal 6,8). Je mehr ein Athlet läuft, umso mehr entwickelt er sein Herz, seine Lungen, seine Muskeln und seine Atmung; und je mehr er sie entwickelt, desto mehr erfreut er sich am Laufen.

Natürlich erfordert ernsthaftes Training von dem Athleten Disziplin, Selbstverleugnung, das Verfolgen eines einzigen Zieles und harte Arbeit. Und wenn der Athlet darauf hofft, bei den Wettkämpfen einen Preis zu gewinnen, muss er die Regeln einhalten. Wenn er die Regeln nicht einhält, verliert er zwar nicht sein Leben, aber er wird gewiss keinen Preis erhalten. Und so ist es mit dem ewigen Leben auch. Um das Potenzial zu entfalten und die maximale Belohnung zu erhalten, müssen diejenigen, die es besitzen, bereit sein, »jede Bürde und die leicht um­ strickende Sünde abzulegen [und] mit Ausharren [zu] laufen den vor uns liegenden Wettlauf« (Hebr 12,1). Sie müssen bereit sein, sich selbst zu verleugnen, täglich ihr Kreuz auf sich zu nehmen und Christus nachzufolgen. Und sie müssen lernen, Selbstbeherrschung zu entwickeln und »die Spielregeln einzuhalten«; sonst werden sie disqualifiziert und erlangen keinen Preis (1Kor 9,24-27; 2Tim 2,5).

Aber das Wunderbare am ewigen Leben ist: Es befähigt jene, die es besitzen, in einer solchen Weise zu leben, dass die Erfahrungen, Verpflichtungen, Freuden und Leiden der vergänglichen Welt eine ewige Bedeutung erhalten und man dafür einen ewigen Lohn bekommt (Joh 12,25; 2Petr 1,5-11).

Die Möglichkeit zu wissen, dass man ewiges Leben hat: Einige Menschen, sogar religiöse Menschen, halten daran fest, dass es in diesem Leben unmöglich ist, sicher zu sein, ewiges Leben zu haben. Deshalb ist es gut, zu diesem Thema die klare Aussage des Neuen Testaments zu haben. Wir werden es in einem späteren Kapitel in seiner Tiefe betrachten; aber hier schon mal die Aussage selbst:

»Und dies ist das Zeugnis: dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht. Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewi­ ges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes« (1Jo 5,11-13).