Gottes Heiligkeit - Kenne deinen Schöpfer

Es ist nicht zu leugnen, dass für viele Menschen schon der Gedanke an Gott unwillkommen und jede Erinnerung an seine Heiligkeit eine Bedrohung ist. Gott ist für sie ein grimmiger, allmächtiger Tyrann, der entschlossen ist, die Freiheit des Menschen einzuschränken und ihm die schönsten Freuden zu verbieten. So reden sie sich ein, dass die Vorstellung von Gott ein Überbleibsel aus der vorwissenschaftlichen Zeit des Menschen sei, und versuchen, ihn aus ihrem Denken zu verbannen (was ihnen aber nie vollständig gelingt).

All das steht jedoch im eindrucksvollen Kontrast zu dem, wie Menschen in der Bibel über Gott denken. Sie beschreiben Gott als ihre höchste Freude (vgl. Ps 43,4); und begeistert verkündigen sie das, was sie seine Tugenden nennen. Natürlich sprechen sie von einer Gottesfurcht in dem Sinn, dass sie ihn verehren oder in Ehrfurcht vor ihm stehen. Aber solche Gefühle und Emotionen sind nicht eingeschüchterte, verächtliche Reaktionen ängstlicher Sklaven, sondern die gesunde Antwort intelligenter Geschöpfe, die der Majestät, Macht und Reinheit ihres allmächtigen Schöpfers begegnen. Sogar atheistische Wissenschaftler sind manchmal überwältigt von der Weite, Komplexität und großen Schönheit des Universums. Und welche Eltern waren nie erstaunt und überwältigt von der Perfektion der winzigen Finger ihres neugeborenen Babys – vollständig, mit Miniatur-Fingernägeln! Es ist deshalb nicht überraschend, wenn wir in der Bibel Männer und Frauen finden, die sich gegenseitig zurufen, den Herrn in seiner Schönheit anzubeten (siehe 1Chr 16,29).

Gottes Heiligkeit dient also in erster Linie dazu, die Beziehung des Schöpfers zum geschaffenen Universum und zu allen seinen Geschöpfen, den Menschen eingeschlossen, zu beschreiben. Sie weist auf folgende Punkte hin:

1. Gott ist getrennt und unabhängig vom Universum. Er ist nicht Teil der Grundelemente. Er ist nicht eine seiner Kräfte – nicht einmal die größte dieser Kräfte. Er erschuf sie – niemand und nichts erschuf ihn. Er existierte vor ihnen und unabhängig von ihnen. »Er ist vor allen, und alle Dinge bestehen durch ihn« (Kol 1,17). Er hält das Universum aufrecht, ist dessen Gebieter und kontrolliert es – niemand erhält ihn (siehe Jes 46,1-7). Er ist nicht der höchste Gott in einer Hierarchie von Engeln (obwohl Heiden manchmal in dieser Art von ihm geredet haben). Sie sind nicht in derselben Kategorie wie er. Sie sind Geschöpfe – er ist der Schöpfer. »Keiner ist heilig wie der HERR, denn keiner ist außer dir« (1Sam 2,2).

2. Gott ist der alleinige Schöpfer des Universums. Er hat nicht, wie es einige Religionen annehmen, die Schöpfung des Universums und der Menschheit an irgendwelche niedrigeren Götter oder untergeordneten Wesen delegiert. Das Wort, durch das alle Dinge wurden und ohne dasselbe nichts wurde, war selbst Gott (Joh 1,1-3). Materie und Menschen sind nicht zweitklassige Produkte von zweitklassigen Gottheiten. Sie haben die Würde, dass sie durch einen bewussten Akt des alleinigen, allheiligen Schöpfers aller Dinge geschaffen wurden. »So spricht der HERR, der Heilige Israels [...] Ich habe die Erde gemacht und den Menschen auf ihr geschaffen; meine Hände haben die Himmel ausgespannt, und all ihr Heer habe ich bestellt [...]. Denn so spricht der HERR, der die Himmel geschaffen [hat] (er ist Gott) [...]: Ich bin der HERR, und sonst ist keiner« (Jes 45,11.12.18).

3. Als Schöpfer der Menschen hat Gott das alleinige Recht auf die Anbetung durch die Menschen. Der Mensch wurde nicht nur von Gott gemacht, er wurde auch für Gott gemacht.

»Und sie hören Tag und Nacht nicht auf zu sagen: Heilig, heilig, heilig, Herr, Gott, Allmächtiger, der da war und der da ist und der da kommt! [...] Du bist würdig, o unser Herr und unser Gott, zu empfangen die Herrlichkeit und die Ehre und die Macht; denn du hast alle Dinge erschaffen, und deines Willens wegen waren sie und sind sie erschaffen worden« (Offb 4,8-11). »Den HERRN, deinen Gott, sollst du fürchten und ihm dienen« (5Mo 6,13).

Hierin liegt die Würde und Ehre des Menschen. Menschliches Leben und menschliche Arbeit sind letztlich nicht sinnlos und absurd, wie es die existenziellen Philosophen gelehrt haben. Den Willen des Schöpfers zu tun, gibt den Menschen das einzige Ziel, das groß genug ist, um seinen Intellekt und seine Emotionen zu befriedigen und sein Streben zu erfüllen.

Hierin liegt also die menschliche Freiheit. Irgendjemand oder irgendetwas anderes als Gott anzubeten, versklavt am Ende den menschlichen Geist. Die frühen Christen waren schließlich mit einer totalitären Obrigkeit konfrontiert, die forderte, das Haupt des Staates anzubeten. Aber die Apostel lehrten sie, sich nicht vor der Obrigkeit zu fürchten, sondern Christus als Herrn im Herzen zu heiligen (1Petr 3,14-15). Das heißt, in der Mitte ihres Herzens mussten sie immer ein Bewusstsein von der Heiligkeit des Sohnes Gottes bewahren. Dabei sollten sie stets an sein alleiniges Recht denken, angebetet zu werden. Und in der Erinnerung an seine Heiligkeit fanden sie den Mut, die vom Götzendienst geprägten Forderungen ihrer totalitären Obrigkeit abzulehnen. Und so haben sie sich, oft auf Kosten ihres Lebens, für die Sache der Freiheit des menschlichen Geistes eingesetzt.

Gott heilig zu nennen, ist auch eine Art, Gottes absolute und furchterregende Reinheit zu bezeichnen. »Der HERR [ist] ge­recht [...] und kein Unrecht ist in ihm«, sagt das Alte Testament (Ps 92,16). »Gott [ist] Licht«, sagt das Neue Testament, »und gar keine Finsternis [ist] in ihm« (1Jo 1,5) – nicht intellektuell, nicht moralisch, nicht geistlich. In der physikalischen Welt ist es das Licht, das den Dingen die Farben gibt. Und im intellektuellen, moralischen und geistlichen Bereich ist es das Licht von Gottes Heiligkeit, das die volle Schönheit und die Bedeutung des Lebens hervorbringt. Sünde tut das Gegenteil: Sie trübt die Farben des Lebens, tötet seine Empfindsamkeit, verdunkelt den Verstand und macht den Geist blind.

Auf der anderen Seite stellt das Licht von Gottes Heiligkeit Sünde heraus. Aber es stellt sie nicht nur heraus, denn Gottes Heiligkeit ist nicht nur eine passive Qualität, wie eine gefrorene Säule von reinem, weißem Schnee. Sie drückt sich selbst aktiv aus, indem sie seinem gerechten Zorn und seinem Gericht über die menschliche Sünde Ausdruck gibt. Manchmal drückt sich dieses Gericht in der Art aus, wie Gott auch die Naturgesetze wirken lässt. Wenn Menschen zum Beispiel in sexueller Perversion leben, merken sie, wie verhängnisvoll die natürlichen Folgen sind und ihre Körper zugrunde gerichtet werden: »… und [sie] den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst empfingen« (Röm 1,27). Zu anderen Zeiten erlaubte Gott, dass ein ökonomisches und politisches Desaster über diejenigen kam, die gegen ihn rebellierten. Die Bibel spricht davon, dass der Heilige sich selbst in Gerechtigkeit heiligt, wobei »sich selbst heiligen« so viel bedeutet wie »demonstrieren, dass er heilig ist«, indem er Sünde gerecht verurteilt.

In den Tagen des Propheten Jesaja waren die Angehörigen seines Volkes schuldig wegen Ungerechtigkeit und Gewalt, wegen unbarmherziger, kommerzieller Geschäftemacherei, wegen zügelloser Trunkenheit, wegen vorsätzlicher moralischer Perversion, wegen kompletter Missachtung Gottes und Rebellion gegen ihn. Jesaja hat deshalb nicht nur ihre Sünde angeprangert. Er warnte sie, dass Gott seine Heiligkeit zeigen würde, indem er seine Gerichte über sie bringt und die Nation bis zum wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ruin herabsetzt:

»Und der Mensch wird gebeugt und der Mann erniedrigt, und die Augen der Hochmütigen werden erniedrigt. Und der HERR der Heerscharen wird im Gericht erhaben sein, und Gott, der Heilige, sich heilig erweisen in Gerechtigkeit [...], denn sie haben das Gesetz des HERRN der Heerscharen verworfen und das Wort des Heiligen Israels verschmäht« (siehe Jes 5,15-16.24b; vgl. den ganzen Abschnitt [5,7-30]).

Aber wir müssen dem Ziel noch näher kommen. Gottes Heiligkeit verurteilt nicht nur frevelhafte Sünder. In seinem Licht gesehen, erscheint der Beste von uns auch sündig. Als derselbe Jesaja von Gott eine Vision bekam, in der Gott von Engeln umringt war, die einander zuriefen: »Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen, die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit«, wurde Jesaja selbst von einer durchdringenden Erkenntnis seiner eigenen persönlichen Sündhaftigkeit überwältigt, sodass er ausrief: »Wehe mir! Denn ich bin verloren; denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen, und inmitten eines Volkes mit unreinen Lippen wohne ich; denn meine Augen haben den König, den HERRN der Heerscharen, gesehen« (Jes 6,5). So würde sich jeder von uns fühlen, wenn wir uns der Realität der Heiligkeit Gottes bewusst würden. Lügen, Heuchelei, Betrug, schmutziges Gerede, Verleumdung, Sarkasmus und Großtun würden plötzlich zusammen mit all den anderen Sünden als die verdorbenen und schmutzigen Dinge herausgestellt werden, die sie tatsächlich sind. Und uns würde schmerzlich bewusst werden, dass es einer solchen Verdorbenheit niemals erlaubt werden kann, in Gottes Himmel hineinzukommen und dort seine Wahrheit und Schönheit zu beeinträchtigen.

Aber genau hier begegnen wir einem außerordentlichen Paradoxon. Menschen der Bibel, die den Schmerz erfahren haben, als sie in das Licht von Gottes Heiligkeit gestellt wurden, beginnen plötzlich, begeistert von diesem Licht als etwas Wunderbarem zu sprechen. Hier ein typischer Abschnitt: »Ihr aber seid ein aus­ erwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündigt, der euch berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; die ihr einst ›nicht ein Volk‹ wart, jetzt aber ein Volk Gottes seid; die ihr ›nicht Barmherzigkeit empfangen hattet‹, jetzt aber Barmherzigkeit empfangen habt« (1Petr 2,9-10). Offensichtlich haben diese Leute entdeckt, dass Gottes Heiligkeit nicht nur eine Kraft ist, die sich gegen etwas richtet. Sie ist vielmehr auch eine positive Kraft, die durch seine Liebe und Barmherzigkeit Sünder reinigen und zu Heiligen machen kann.

In 3. Mose 19 befiehlt Gott zuerst seinen Leuten: »Ihr sollt hei­lig sein; denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig« (Vers 2). Er erklärt ihnen dann ausführlich, was es praktisch heißt, heilig zu sein. Eine dieser Erklärungen ist diese: »[Du] sollt deinen Nächs­ ten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR« (Vers 18). Heiligkeit heißt also lieben; und Gott, der die höchste Heiligkeit darstellt, ist die höchste Liebe (1Jo 4,16). Dieselbe Eigenschaft der Heiligkeit Gottes erscheint in der Bekanntmachung des heiligen und furchterregenden Namens Gottes in der Bibel (siehe 2Mo 34,5-7).

Wir beenden dieses Kapitel deshalb mit der Herausstellung, dass Philosophien, welche die Heiligkeit des Schöpfers verletzen, unausweichlich den Menschen selbst schaden:

a) Atheismus: Indem sie es ablehnen, den Schöpfer anzuerkennen, sind Atheisten gezwungen, die blinden, unpersönlichen Kräfte der Natur als die letztendlichen Kräfte anzuerkennen, die unbewusst intelligente, moralische menschliche Wesen geschaffen haben, sie jetzt kontrollieren und sie schließlich auch zerstören werden. Der Mensch ist damit ein Gefangener dieser materiellen Kräfte des Universums. Seine Intelligenz ist entwertet. Es geht ihm jegliche Ursache und der Sinn seiner Existenz verloren – er wird jeder letzten Hoffnung und eines Zieles beraubt.

b) Pantheismus: Pantheismus identifiziert Gott mit der Schöpfung. Er lehrt, dass das Universum Gott ist: Die Erde ist Gott, die Sonne ist Gott, der Mensch ist Gott, Tiere sind Gott – alles ist Gott. Aber wenn alles Gott ist, dann ist auch das moralisch Böse Gott, genauso wie das moralisch Gute Gott ist. Und das ist falsch. Als Gott die Welt erschaffen hatte, sah er, dass alles, was er gemacht hatte, gut war (1Mo 1,31). Gott kann nicht mit moralischer Bosheit gleichgesetzt werden. Er ist heilig. Und in dieser Tatsache liegt die konkrete Hoffnung, dass das Böse eines Tages überwunden wird.

Wenn das Böse Gott wäre, wie es der Pantheismus lehrt, gäbe es keine Hoffnung, dass das Böse je überwunden würde.

c) Verschiedene Formen von Reinkarnationslehren: Einige Religionen und religiöse Philosophen meinen, dass Materie grundsätzlich schlecht sei. Sie lehren, dass der höchste Gott nie Materie geschaffen hätte. Nach ihren Behauptungen hatte er sozusagen niedrigere Götter geschaffen, die wie er schöpferische Kräfte hatten. Diese wiederum schufen noch geringere Götter, und schließlich schuf einer dieser Götter das materielle Universum und menschliche Wesen, was sehr unweise war. Menschliche Wesen sind deshalb eine Mixtur aus Seele (die Gott ist) und Materie (die schlecht ist). Materie infiziert und verunreinigt die Seele, zerrt sie in böses Verhalten herab, was wiederum die Person in unausweichliche Leiden verstrickt. Wenn diese Leiden zu dem Zeitpunkt, zu dem eine Person stirbt, noch nicht zum Ende gekommen sind, ist die Seele dazu verdammt, sich in einem anderen materiellen Körper zu reinkarnieren. Wenn sie somit in diesem Leben – aufgrund eines weiteren schlechten Benehmens – schuldig wird, ist sie zu immer weiteren Leiden und Reinkarnationen verurteilt. Die einzige Hoffnung ist, dass sie auf die eine oder andere Weise mit den Leiden ans Ende kommt, absolut frei wird von weiteren Sünden und so zur reinen Welt-Seele zurückkehren und allen weiteren Reinkarnationen in materiellen Körpern entkommen kann.

Diese Lehre ist eine doppelte Verletzung der Heiligkeit Gottes: 1. Es gibt tatsächlich nur einen Schöpfer, nicht eine Mehrzahl von niedrigeren Göttern. 2. Materie ist grundsätzlich nicht schlecht, sondern grundsätzlich gut, wie wir gesehen haben. Die Probleme des Menschen rühren nicht daher, dass er einen materiellen Körper hat, sondern entspringen dem sündigen Missbrauch seines freien Willens und seinem Ungehorsam gegenüber Gott.

Zusätzlich ist diese Lehre nicht nur falsch, sie ist auch sehr grausam. Sie sagt, dass, wenn ein Kind mit einer Behinderung geboren wird, dies das Ergebnis von Sünden ist, die in einer früheren Inkarnation begangen wurden. Wenn nach all diesen (möglicherweise) tausend Reinkarnationen das Kind immer noch nicht mit den Leiden der vergangenen Sünden zu Ende gekommen ist, welche Hoffnung hat dann das Kind, die Leiden in diesem Leben abzuarbeiten – abgesehen von der Möglichkeit, dass es in diesem Leben weitere Sünden begeht und so nur noch die unausweichliche Notwendigkeit für weitere Reinkarnationen hinzufügt? Diese Lehre ist also ein Ungetüm, das Unwahrheit und Grausamkeit in sich birgt. Der Mensch ist nicht errettet durch seine eigenen Leiden, sondern durch die Leiden Christi:

»[Er war] um unserer Übertretungen willen … verwundet, um un­ serer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung ge­ worden« (Jes 53,5).

Auch brauchen Menschen nicht in Angst vor einer Menge von niedrigeren, unverantwortlichen und manchmal böswilligen Gottheiten zu leben. Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott liebt uns und bietet sich selbst als unser Retter an:

»Keine Erkenntnis haben die, die [...] zu einem Gott flehen, der nicht retten kann [...]. Und es ist sonst kein Gott außer mir; ein ge­ rechter und rettender Gott ist keiner außer mir! Wendet euch zu mir und werdet gerettet, alle ihr Enden der Erde! Denn ich bin Gott und keiner sonst« (Jes 45,20-22).

»Denn ich bin der HERR, dein Gott, ich, der Heilige Israels, dein Erretter [...] Er wird der Gott der ganzen Erde genannt werden« (Jes 43,3; 54,5).