Heiligung - Befreites Leben, nicht lästige Pflicht

In unserem vorigen Kapitel studierten wir die anfängliche Heiligung; nun müssen wir untersuchen, was das Neue Testament zuerst unter fortschreitender und dann unter endgültiger Heiligung versteht.

Fortschreitende Heiligung

Als Erstes gilt es, hier folgende klare Tatsache zu bemerken: Die Bibel drängt darauf, dass es fortwährend nötig ist, dass Menschen sich »selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem [sie] die Heiligkeit vollenden in der Furcht Got­tes« (2Kor 7,1), auch wenn sie seit dem Moment, da sie ihr Vertrauen auf Christus gesetzt haben, geheiligt und als wahre Heilige bezeichnet werden (wie wir im letzten Kapitel gesehen haben). Wenn wir das verstehen, wird es uns vor einem häufigen Fehler bewahren. Die Bibel lehrt tatsächlich, dass ein Mensch gerechtfertigt wird durch Glauben, einzig durch die Gnade Gottes und nicht auf der Grundlage seiner Werke oder geistlichen Fortschritte – weder vor noch nach seiner Bekehrung (Röm 3,19-28). Aber das heißt nicht, wie viele fälschlicherweise meinen, ein Mensch habe die Freiheit, ein sündiges Leben zu führen, wenn er durch die Gnade gerechtfertigt ist. Hören Sie den doppelten Widerspruch des Paulus: »Was sollen wir nun sagen? Sollten wir in der Sünde verharren, damit die Gnade überströme? Das sei ferne! [...] Was nun, sollten wir sündigen, weil wir nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade sind? Das sei ferne« (Röm 6,1-2.15).

Darüber hinaus macht es Paulus unmissverständlich klar, dass Christus, wenn er unsere Rettung ausgeführt hat, nicht nur unsere Sünden vergibt, sondern auch darauf drängt, dass wir uns immer mehr heiligen. Eine echte Bekehrung, so erinnert er die Neubekehrten (Eph 4,17-24), schließt von Anfang an mit ein, mit Christus eins zu sein und »den alten Menschen [abzulegen]« – d. h. den alten sündigen Lebensstil – und »den neuen Menschen [anzuziehen]« – d. h. den Lebensstil, den Gott selbst für diejenigen vorgezeichnet hat, die mit ihm versöhnt wurden. Das bedeutet ein aktives, kontinuierliches »Ausziehen« und »Anziehen« für den Rest des Lebens. Mit anderen Worten, es ist einem Menschen, der allein mittels des Glaubens durch die Gnade Gottes gerechtfertigt wurde, nicht freigestellt, ob er nach dieser zunehmenden Heiligung strebt. Gemäß dem Neuen Testament ist sie obligatorisch. Jeder, der diese Verpflichtung ablehnt, ist in Wirklichkeit kein wahrer Gläubiger.

Aber beachten Sie nun, wie diese zunehmende Heiligung erreicht wird.

Es gibt grundsätzlich zwei Vorgehensweisen. Beide Wege beinhalten entschiedenes Handeln und Ausdauer unsererseits. Aber ein Weg ist falsch, und der andere Weg ist richtig. Ein Weg ist der Weg eines Sklaven; er ist erfolglos und führt zu Frustration und Verzweiflung (siehe Röm 7,7-25).

Der andere Weg ist der Weg der in Freiheit geborenen Söhne Gottes; und dieser Weg führt sie in immer tiefere Gemeinschaft mit ihrem Vater und zu einer zunehmenden Übereinstimmung mit seiner Art, zu denken und zu handeln (siehe Mt 5,43-48). In Römer 8,13-17 ist dies gut zusammengefasst:

»Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Handlungen des Leibes tötet, so wer­ det ihr leben. Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet wer­ den, diese sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!

Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Got­tes sind.«

Das Problem mit der falschen Methode ist folgendes: Sie sieht, dass Gottes Gesetz heilig, gerecht und gut ist, dass die Gebote vernünftig sind und dass die Segnungen, die aus der Erfüllung des Gesetzes resultieren, alle erstrebenswert sind (Röm 7,12). Aber daraus zieht man voreilig den Schluss, dass das Rezept des Neuen Testaments für fortschreitende Heiligung einfach Folgendes ist: »Hier ist das Gesetz Gottes; hier sind die Zehn Gebote; hier ist die Bergpredigt; also denke scharf nach, stärke deinen Willen und gib dein Bestes, um sie zu halten, und du wirst immer heiliger werden.«

Diese Sichtweise übersieht aber drei wichtige Tatsachen:

1. Die Menschen sind durch die Sünde so geschädigt, geschwächt und verdorben, dass sie, so sehr sie es auch versuchen, das Gesetz Gottes nicht halten können. Sie mögen sich über das Gesetz Gottes freuen, es verstandesmäßig bejahen und mit aller Willenskraft zu halten versuchen – wie der Apostel Paulus bekennt, es einst getan zu haben (Röm 7,22.25.15.18-19). Aber sie werden wie Paulus entdecken, dass sie beständig daran scheitern, es völlig in die Tat umzusetzen. Vielmehr werden sie feststellen, dass tief in ihrem Inneren ein gewaltiger Widerstand gegen das Halten des Gesetzes existiert, der mit der Zielstrebigkeit eines militärischen Feldzugs die Herrschaft der Sünde aufrechterhalten will (Röm 7,23).

2. In dieser Situation kann das Gesetz Gottes, obwohl es in sich selbst gut ist, einer Person keinen Beistand leisten. Es wird, wie die Bibel sagt, wegen der Schwachheit des Fleisches nicht erfolgreich sein (Röm 8,3). Vielmehr werden die sündigen Neigungen oft nur verstärkt, wenn sich eine Person auf sie konzentriert (Röm 7,7-8); und durch die Betonung des ständigen Misserfolgs wird die Kraft, sie zu überwinden, untergraben (Röm 7,21-24).

3. Und dann gibt es eine dritte Sache, die leicht vergessen wird. Gottes Gesetz leitet uns an, wie wir uns verhalten sollen, aber es tut noch mehr als das. Es ist Befehl plus Strafe für die Nichtbeachtung bzw. den Ungehorsam; und die endgültige Strafe ist die Verwerfung durch Gott. Ein Mensch muss nur ein einziges Mal versagen – und auch noch so viel Erfolg hinterher kann diesen Fehler nicht wieder ausgleichen oder die Strafe auslöschen. In einem System, in dem fortwährende Vollkommenheit gefordert wird, kann es kein Übermaß an Güte geben, um irgendeine Unvollkommenheit auszugleichen.

Um die praktischen Auswirkungen davon zu verstehen, wollen wir einen Vergleich anstellen. Nehmen wir an, in einem abgelegenen Tal befindet sich ein Sanatorium für Tuberkulosekranke. Am anderen Ende des Tals gibt es ein Atomkraftwerk, aus dem die unsichtbare, aber tödliche Strahlung austritt. Die Regierung weist deshalb die Kranken an, um ihr Leben zu laufen. Unglücklicherweise muss man, um aus dem Tal herauszukommen, vier Bergpässe mit über 3500 Höhenmetern überqueren; und die Regierung erklärt den Patienten, dass sie nicht sicher vor der Strahlung sind, bis sie die gesamte Bergkette überquert haben.

Die Anweisungen der Regierung sind wirklich gut; jede vernünftige Person wird ihr folgen. Aber es ist so, dass die Regierung den Patienten keine Hilfsmittel zur Verfügung stellen kann (oder auch will), um die Bergkette zu überqueren: keine Hubschrauber, keine Busse, nicht einmal Pferde oder Mulis. Sie müssen zu Fuß laufen und ihr Bestes geben. Von der Angst vor einer tödlichen Verstrahlung getrieben, mögen sie einen heroischen Versuch unternehmen zu fliehen, aber aufgrund ihrer Krankheit werden sie nur sehr langsam vorankommen, bis sie offensichtlich keine Aussicht haben, die Bergkette zu überqueren, ehe sie entweder ihrer ursprünglichen Krankheit, den Naturgewalten oder den Auswirkungen der Strahlung erliegen.

Aber angenommen, die Regierung sagt ihnen ferner, dass sie alle vier Bergpässe auch noch innerhalb von drei Tagen überqueren müssen. Jeder, der länger braucht, wird so stark verstrahlt sein, dass er eine Gefahr für andere Leute darstellt. Man würde sie erschießen, sobald sie auftauchen würden. Sie würden merken, dass sie in ihrem schwachen Zustand für die ersten beiden Pässe schon länger als drei Tage brauchen. Was also wäre der Sinn ihres Kampfes über die beiden letzten, wenn sie am Ende trotz aller Anstrengungen doch die Todesstrafe erleiden müssten?

Jede Faser unseres Körpers protestiert, dass Gott nicht so sein kann; und natürlich ist er nicht so! Gott möchte eine fortschreitende Heiligung nicht dadurch erreichen, dass er den Menschen einfach sein Gesetz gibt und ihnen befiehlt, ihr Bestes zu geben, um es zu halten. Wenn das so wäre, dann wäre ihre Lage nicht besser als diejenige der Patienten. Aber seine Liebe und sein Realitätssinn haben ihn dazu bewegt, einen ganz und gar anderen Weg zu schaffen.

Als ersten Schritt, um den übermächtigen Würgegriff der Sünde im Leben des Menschen zu brechen, hat er für immer die Strafe für das Versagen beim Halten des Gesetzes weggenommen. »Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade« (Röm 6,14). Christus hat durch seinen Tod diese Strafe für sie ein für alle Mal bezahlt (Röm 6,6-11). Jetzt sind sie deswegen frei. Wenn sie immer noch »unter dem Gesetz« und der Strafe ausgesetzt wären, würde eine Sünde ausreichen, um sich strafbar zu machen. In diesem Fall wären alle weiteren Versuche fortschreitender Heiligung zwecklos. Die Sünde hätte dann gesiegt und den Versuch, ihrer Herrschaft zu entkommen, vereitelt.

Aber jetzt ist es nicht zwecklos. Wenn sie jetzt trotz ihrer Bemühungen sündigen und fallen, können sie ihre Sünden Gott bekennen, und dann »ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit« (1Jo 1,9). Und es gibt keine Strafe zu befürchten, weder jetzt noch in der Zukunft; sie dürfen wiederaufstehen und sich auf dem Weg der fortschreitenden Heiligung weiter bemühen.

Als zweiten Schritt, um die Herrschaft der Sünde zu brechen, stellt Gott Hilfe und Kraft zur Verfügung, wie es das Gesetz niemals vermochte. »Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz ge­ tötet worden durch den Leib des Christus, um eines anderen zu wer­ den, des aus den Toten Auferweckten, damit wir Gott Frucht brächten« (Röm 7,4). Um es noch einmal zu sagen: Gottes Gesetz ist nicht schlecht, und seine Forderungen dürfen nicht missachtet werden. Gottes Absicht ist es, dass wir seine Forderungen erfüllen (Röm 8,4). Aber das Gesetz selbst kann uns keine Kraft dafür geben. Die Antwort des Neuen Testaments auf dieses Problem ist deshalb, bildhaft gesprochen, dass wir »Christus angetraut werden«, oder – wie es unsere Textstelle ausdrückt – dass wir »eines anderen … werden« (siehe auch 1Kor 6,16-17).

Eine Frau könnte unzählige Bücher über Physiologie lesen und sich nach Kindern sehnen; aber ohne einen Ehemann könnte sie wenig Hoffnung darauf haben. In diesem Sinne wurde Christus, auferstanden aus den Toten, ein lebendiger, liebender, geistlicher Ehemann für diejenigen, die auf ihn vertrauen, damit sie in Form von fortschreitender Heiligung »Gott Frucht brächten«.

Es ist klar, dass das Neue Testament diese Beziehung nicht so versteht, dass hier die Persönlichkeit eines Gläubigen überwältigt würde, genauso wenig wie eine Frau durch die Heirat mit ihrem Ehemann auf das Niveau einer Maschine reduziert wird. Ein Gläubiger bleibt immer noch ein verantwortliches Individuum. Er ist es, der eifrig sein muss, Fortschritte in der Heiligung zu machen (2Petr 1,1-11); er muss zur Freude und zum Dienst für Gott leben. Aber jetzt geht es nicht mehr nur um das bloße Lesen von Anweisungen in einem Buch oder auf Steintafeln – wie es die Zehn Gebote waren – und dann um den Versuch, sie auszuführen. Das wäre, was die folgende Schriftstelle »dienen [...] in dem Alten des Buchstabens« nennt.

»Jetzt aber sind wir von dem Gesetz losgemacht, da wir dem ge­ storben sind, in dem wir festgehalten wurden, sodass wir in dem Neuen des Geistes dienen und nicht in dem Alten des Buchstabens« (Röm 7,6).

Der Heilige Geist, der Gottes Gesetz in der Bibel als Ausdruck des heiligen Wesens Gottes niedergeschrieben hat, lebt nun als Person diese Gesetze in und durch den Gläubigen aus. Er wirkt in einem Gläubigen, um seinen Verstand zu erneuern, seine Anschauungen zu verändern, seine Wertvorstellungen neu zu ordnen, seinen Willen zu stärken, seine Bestrebungen in die richtige Richtung zu lenken und um gegen die falschen Begierden zu kämpfen. Der Geist »begehrt [bringt starke Kräfte hervor] [...] gegen das Fleisch [...] damit ihr nicht das tut, was ihr wollt« (siehe Gal 5,16-24).

Bei dieser Beziehung zwischen einem Gläubigen und Christus durch den Heiligen Geist geht es jedoch nicht um vage Eindrücke und verworrene, unverständliche und unbeschreibliche Visionen. Christus wird beständig das Sinnen seines Volkes auf Gottes Wort lenken. Das Neue Testament berichtet, dass er – als er zu seinem Vater um Fortschritt bei der Heiligung seiner Jünger betete – sagte: »Heilige sie durch die Wahrheit: Dein Wort ist Wahrheit« (Joh 17,17). Der Gläubige ist natürlich immer noch in der Lage zu wählen, ob er »für sein eigenes Fleisch sät [...] [oder] für den Geist sät« (Gal 6,8). Aber bei seiner Wahl wird er nicht mehr – wie ein Sklave unter der Peitsche – getrieben von der Angst vor der Strafe des Gesetzes Gottes, sondern geführt vom Heiligen Geist, der ihm instinktiv bewusst macht, dass er nun ein Kind des Vaters ist – mit der Liebe und dem Leben und der Natur des Vaters in sich (Röm 8,14-17). Und genauso wie die Kraft des Kreiselkompasses dabei hilft, dass ein Flugzeug seinen Kurs beibehält, so hält die Fürsprache des Heiligen Geistes – zusammen mit dem eigenen Wunsch des Gläubigen – ihn auf dem Kurs, den Gott für ihn bereitet hat – ein Kurs, der fortschreitet von der Berufung und Rechtfertigung bis hin zum letzten Ziel seiner Verherrlichung (Röm 8,26-30).

Die Bibel macht keine falschen Hoffnungen, dass das Fortschreiten auf diesem Weg immer leicht wäre. Wenn ein Kind Gottes vom Weg abweicht – was bei Kindern schon mal vorkommt – oder einen Anstoß zum Wachstum braucht, wird Gott als Vater nicht zögern, es zu erziehen. Und diese Zucht kann schmerzhaft sein. Aber sie wird von der Liebe und Weisheit des Vaters eingesetzt, damit der Gläubige besser an der Heiligkeit Gottes teilhaben kann (Hebr 12,1-13). Und das Ziel ist gewiss. Schon zu Beginn des Weges wird dem Gläubigen versichert, dass er, wenn er aus Glauben gerechtfertigt wurde, auch die Herrlichkeit Gottes erreichen wird (Röm 5,1-2).

Endgültige Heiligung

Von Zeit zu Zeit hatten einige Menschen die Vorstellung, dass Christen vollkommen sündlos in diesem Leben sein könnten. Die Bibel weist dies zurück. Solange wir in dieser Welt leben, müssen wir mit dem Apostel Paulus bekennen:

»Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet sei; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge, indem ich auch von Christus Jesus ergriffen bin« (Phil 3,12).

Die Heiligung des Gläubigen wird beim Zweiten Kommen Christi vollendet. Dann erhält der Gläubige wie Christus einen Herrlichkeitsleib und wird mit ihm in moralischer und geistlicher Hinsicht gleichgestaltet. Und die Bibel sagt uns, wie das geschieht:

»Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offen­ bar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass wir, wenn es offenbar wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist« (1Jo 3,2).