Heiligung - Gott ähnlich sein

In diesem Kapitel studieren wir den Begriff »Heiligung«. Er kennzeichnet den Prozess, durch den Gott sündige Menschen in Heilige verwandelt. Nun ist das Neue Testament voller Überraschungen für diejenigen, die noch nicht damit vertraut sind; aber nirgends ist diese Überraschung so groß wie bei der Verwendung des Wortes »heilig«. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Titel »Heiliger« häufig wie ein Ehrentitel in Bezug auf die christlichen Apostel benutzt: »Hl. Petrus«, »Hl. Paulus« usw.; und er wird auch für Menschen verwendet, von denen man annimmt, dass sie ein gewisses Maß an Heiligkeit während ihrer Lebenszeit erreicht haben, wie z. B. der »Hl. Simeon« oder die »Hl. Sophia«.

Aber die Verwendung im Neuen Testament unterscheidet sich davon gravierend. Kein einziges Mal werden im Originaltext (die Briefüberschriften sind nicht original – sie wurden später hinzugefügt) einzelne Apostel z. B. »Hl. Petrus« oder »Hl. Paulus« usw. genannt (obwohl die Apostel und Propheten als ganze Gruppe gelegentlich schon als die »heiligen Apostel und Propheten« bezeichnet werden [Eph 3,5; vgl. 2Petr 3,2]). Andererseits werden alle Christen ohne Ausnahme ständig als Heilige bezeichnet. Wenn es zum Beispiel in Apostelgeschichte 9,32 heißt, dass Petrus »zu den Heiligen [...] in Lydda« ging, heißt das nicht, dass er dorthin ging, um nur einige ausgewählte Christen zu besuchen: »Die Heiligen« ist der normale Ausdruck im Neuen Testament, der alle Christen an einem Ort meint.

Es erstaunt noch mehr, wenn der Brief des Paulus an die Korinther zeigt, dass vieles am Verhalten der Glieder dort höchst unwürdig war. Trotzdem spricht er alle Glieder in den einleitenden Bemerkungen an als die »Geheiligten in Christus Jesus, [die] be­ rufenen Heiligen« (1Kor 1,2).

Eine solche Sprache ist aber keine oberflächliche, diplomatische Schmeichelei. Sie entspringt vielmehr dem Kernstück des Evangeliums. Einige der korinthischen Gläubigen waren vorher extrem unmoralisch; alle waren sündig; viele von ihnen waren geistlich noch schwach und unreif. »Aber«, sagt Paulus, »ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt wor­ den in dem Namen des Herrn Jesus und durch den Geist unseres Gottes« (1Kor 6,11). Das heißt allerdings nicht, dass Menschen, die so geheiligt und nun zu Heiligen wurden, jetzt nicht mehr beständig Fortschritte in praktischer Heiligkeit machen müssten. Doch damit wird festgestellt, dass die Verdienste des Opfers Christi derart sind, dass alle, die ihren Glauben auf ihn setzen, hier und jetzt von Gott wirklich geheiligt werden und zu Recht Heilige genannt werden.

Um zu verstehen, wie das sein kann, wollen wir mit einer Definition von »Heiligkeit« beginnen. Heiligung hat zwei Seiten, eine positive und eine negative:

Negativ beinhaltet sie die Absonderung von Unreinheit – mit anderen Worten: Reinigung.

Positiv bedeutet sie die Absonderung hin zu Gott und zu seinem Dienst – mit anderen Worten: Hingabe.

Beides wird anschaulich in Hebräer 9,13-14 beschrieben. Hier vergleicht der Schreiber die antike jüdische Bedeutung der Heiligung mit derjenigen im Christentum. Er verbindet die Heiligung sowohl mit der Absonderung von Verunreinigung als auch mit der Hingabe an den Dienst für Gott:

»Denn wenn das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer jungen Kuh, auf die Verunreinigten gesprengt, zur Reinheit des Fleisches heiligt, wie viel mehr wird das Blut des Christus, der durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, um dem lebendigen Gott zu dienen!« (Hebr 9,13-14).

Als Nächstes sollten wir anmerken, dass das Neue Testament von drei Stufen der »Heiligung« spricht: anfänglich, fortschreitend und endgültig.

Anfängliche Heiligung

Nehmen wir als Erstes zur Kenntnis, wie die anfängliche Heiligung bewirkt wird:

1. Durch die Opferung des Leibes Christi:

»Darum, als er in die Welt kommt, spricht er: ›Schlachtopfer und Speisopfer hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir be­ reitet [...]. Da sprach ich: Siehe, ich komme [...], um deinen Wil­ len, o Gott, zu tun.‹ [...] Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi« (Hebr 10,5.7.10).

Wir machen uns also nicht selbst durch unsere eigenen Bemühungen, das Gesetz Gottes zu halten und seinen Willen zu tun, zu Heiligen. All unsere Bemühungen auf dieses Ziel hin würden angesichts dessen, was Gott an Reinheit, Heiligkeit und Hingabe fordert, kläglich scheitern. Das Evangelium ist, dass wir heilig und angenehm für Gott gemacht werden durch etwas, das ein anderer, nämlich Christus, für uns getan hat. Es war Gottes Wille, dass er seinen Leib als sündloses Opfer und als Stellvertretung für uns geben sollte; und das tat er ein für alle Mal, als er sich selbst am Kreuz Gott opferte. Es ist dieses Opfer und nicht unsere Bemühung, wodurch wir, trotz all unserer Verfehlungen, für Gott angenehm werden.

2. Das Blut Christi (siehe oben [Hebr 9,13-14]): Niemand kann dem lebendigen Gott angemessen dienen, wenn sein Gewissen durch Schuld verunreinigt ist. Schuld belegt den ganzen Menschen und alles, was er tut, mit einem Schatten und einer Atmosphäre des Verfalls. Keine Steigerung der religiösen Aktivität unsererseits kann diese Verunreinigung beseitigen. Auch religiöse Zeremonien und rituelle Waschungen können es nicht (siehe Mt 15). Aber was wir nicht können, kann das Blut Christi, denn »das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde« (1Jo 1,7). Es reinigt unser Gewissen und befreit uns, um dem lebendigen Gott zu dienen.

Das Blut Christi bewirkt also das, was wir die negative Seite der Heiligung genannt haben, die Absonderung von Verunreinigung. Worin besteht dann das, was die andere Seite der Heiligung bewirkt, nämlich die Hingabe an Gott?

Vonseiten Gottes wird sie durch das Werk des Heiligen Geistes in unseren Herzen bewirkt, der uns von Sünde überführt, uns zum Retter zieht, den Heilsweg Gottes offenbart und in uns, durch seine erneuernde Kraft, Gottes Leben einpflanzt – mit allem, was für die Entfaltung eines heiligen Lebens notwendig ist.

»Er [Gott] [errettete] uns [...] durch die Waschung der Wieder­ geburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes« (Tit 3,5).

»… auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch Heili­ gung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi« (1Petr 1,1-2).

Und unsererseits werden sowohl die positiven als auch die negativen Elemente der Heiligung durch den Glauben in unseren Herzen bewirkt:

»Und Gott, der Herzenskenner, gab [...] ihnen den Heiligen Geist [...], wie auch uns; und er machte keinen Unterschied zwi­ schen uns und ihnen, indem er durch den Glauben ihre Herzen rei­ nigte« (Apg 15,8-9).

Wenn wir – als Antwort auf das Wirken des Heiligen Geistes in unseren Herzen – den Glauben an uns selbst aufgeben, um errettet zu werden, und stattdessen unser Vertrauen allein auf Gott und auf das Opfer Christi setzen, bewirkt das einen fundamentalen Wechsel in der Orientierung unseres Herzens. Vergangen ist die alte Entfremdung und Feindschaft gegenüber Gott. Vergangen sind unsere vorherige Unabhängigkeit und die Missachtung Gottes. An ihrer Stelle macht uns der Heilige Geist die Liebe Gottes bewusst: »Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen« (Röm 5,5). Er macht uns bewusst, dass wir jetzt Kinder Gottes geworden sind und dass wir das Leben aus Gott haben und Teilhaber der Natur unseres Vaters sind. Daher reden wir ihn instinktiv und natürlich als Abba, Vater, an (Röm 8,14-17). Und wir erkennen sowohl die Verpflichtung als auch die Befähigung, heilig zu leben, wie unser Vater heilig ist (1Petr 1,14-16).

Gleichzeitig entdecken wir: »Durch ihn [Christus] haben wir beide [d. h. sowohl Juden als auch Heiden] den Zugang durch einen Geist zu dem Vater« (Eph 2,18). Das war natürlich nicht immer so. In den Jahrhunderten vor der Geburt, dem Erdenleben und Sterben Christi waren die Opfer, welche die Israeliten darbrachten, nur Symbole. Sie konnten ihre Sünden nicht wegnehmen, denn die Opfer haben die Strafe für die Sünden nicht wirklich bezahlt. Als Folge davon war es den normalen Israeliten nur erlaubt, den äußeren Hof der Stiftshütte, des irdischen Heiligtums Gottes, oder des Tempels zu betreten. Die Priester betraten das »Heilige«, gingen aber nicht weiter. Nur dem Hohenpriester war es erlaubt, einmal jährlich in das »Allerheiligste« hineinzugehen.

Aber nun, da Christus gekommen ist und ein vollkommenes Opfer für Sünden dargebracht hat, hat sich das alles geändert. Christus hat für immer die vollkommen gemacht, die geheiligt werden (Hebr 10,14). Alle Gläubigen – und nicht nur eine eigens ordinierte Minderheit – haben deshalb sogar schon hier auf der Erde das Recht auf den geistlichen Zutritt zum Allerheiligsten der Gegenwart Gottes im Himmel selbst – und somit die Zuversicht zum Eintritt und zur Begegnung mit Gott. Hebräer 10,19-22 erklärt, wie das geschehen kann: Jesus hat durch sein Blut einen Weg für sie geöffnet, und jeder Gläubige hat sein Herz mit diesem Blut besprengt, um es von einem schuldigen Gewissen zu reinigen, und – bildhaft gesprochen – seinen Leib mit reinem Wasser gewaschen (vgl. Joh 13,6-11).

Indem sie sich beständig dieses Zugangs in die Gegenwart Gottes erfreuen, wird den Gläubigen bewusst, dass sie Priester Gottes wurden, jeder von ihnen, zum Dienst für Gott geweiht durch das Blut Christi (Offb 1,5-6; 5,9-10). Deshalb teilt der Apostel Petrus allen seinen Mitgläubigen Folgendes mit:

»… werdet auch ihr selbst als lebendige Steine aufgebaut, ein geist­ liches Haus, zu einer heiligen Priesterschaft, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlangenehm durch Jesus Chris­ tus [...]. Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündigt, der euch berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; die ihr einst ›nicht ein Volk‹ wart, jetzt aber ein Volk Gottes seid; die ihr ›nicht Barm­ herzigkeit empfangen hattet‹, jetzt aber Barmherzigkeit empfangen habt« (1Petr 2,5.9-10).

Dies bewirkt in den Gläubigen verständlicherweise eine tiefe Liebe zu Gott. »Wir lieben«, sagt der Apostel Johannes, »weil er uns zuerst geliebt hat« (1Jo 4,19). Dies wiederum wird zu ihrer Motivation, um ihr Leben bereitwillig dem Dienst Gottes zu weihen – sei es zu Hause, in der Schule, in der Fabrik, im Büro oder auf dem Bauernhof. »Ich ermahne euch nun, Brüder«, sagt der Apostel Paulus, »durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer, was euer vernünftiger Dienst ist. Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, son­ dern werdet verwandelt durch die Erneuerung eures Sinnes, dass ihr prüfen mögt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist« (Röm 12,1-2).

Dieser Aufruf gründet sich auf eine zwangsläufige Logik. Einige Abschnitte des Neuen Testaments erklären das genau. Hier ein Beispiel:

»Denn die Liebe des Christus drängt uns, indem wir so geurteilt haben, dass einer für alle gestorben ist und somit alle gestorben sind. Und er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt wor­ den ist« (2Kor 5,14-15).

Eine andere Textstelle führt einen weiteren Beweggrund für ein heiliges Leben an:

»Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib der Tempel des Heiligen Geis­ tes ist, der in euch wohnt, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euer selbst seid? Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden; ver­ herrlicht nun Gott in eurem Leib« (1Kor 6,19-20).

Wir bemerken hier die gleiche Logik wie zuvor: Ein Gläubiger wurde auf Kosten des Blutes Christi erlöst. Von nun an gehört der Gläubige nicht mehr sich selbst, und auch sein Körper gehört ihm nicht mehr. Beides gehört Christus. Aber mehr noch: Durch Christi Erlösung wird der Körper des Gläubigen als Tempel des Heiligen Geistes bezeichnet; denn als der Gläubige zum Glauben kam, hat Gott seinen Heiligen Geist in ihn hineingelegt. Die Gegenwart des Heiligen Geistes im Körper des Gläubigen heiligt und weiht ihn als Wohnort Gottes. Es ist diese bemerkenswerte Tatsache, die dem Gläubigen die Pflicht auferlegt, in seinem Leib Gott zu verherrlichen und eine Verunreinigung dessen zu vermeiden, was nun zum Tempel des Heiligen Geistes wurde.

Die Reihenfolge der Ereignisse ist sowohl bemerkenswert als auch aufschlussreich. Dem Gläubigen wird nicht gesagt, dass sich der Heilige Geist vielleicht dazu erniedrigt, den Leib des Gläubigen zum Tempel zu machen, nachdem dieser sein Leben ausreichend gereinigt hat. Es ist genau andersherum: Christus hat bereits durch sein Opfer und sein Blut den Leib des Gläubigen gereinigt und als Tempel des Heiligen Geistes geheiligt. Da dies eine Tatsache ist, ist der Gläubige nun verantwortlich und motiviert, alles Verhalten zu unterlassen, was diesen Leib verunreinigen würde.

Zusammenfassend haben wir bisher Folgendes gelernt: Die anfängliche Heiligung, wie wir sie genannt haben, ist nicht etwas, das wir durch unsere eigenen Anstrengungen, ein heiliges Leben zu führen, erreichen oder bewerkstelligen müssten. Es ist etwas, das Gott uns in dem Moment schenkt, in dem wir unser Vertrauen auf Christus setzen: »Aus ihm [Gott] aber seid ihr in Christus Jesus, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerech­ tigkeit und Heiligkeit und Erlösung« (1Kor 1,30). Diese anfängliche Heiligung macht jeden Gläubigen zum Heiligen. Durch sie erhält jeder Gläubige sofortigen und direkten Zugang zum Vater. Sie weiht jeden Gläubigen zum Priester für Gott, um geistliche Opfer zu bringen und anderen von der erlösenden Liebe und Gnade Gottes zu erzählen. Sie macht den Leib eines jeden Gläubigen zu einem heiligen Tempel, in dem der Geist Gottes wohnt. Sie schafft in jedem Gläubigen das instinktive Bewusstsein, dass er nun ein Kind Gottes ist – mit dem Leben des Vaters in ihm und deshalb mit all der nötigen Fähigkeit und Kraft, um heilig zu sein, wie der Vater heilig ist. Und sie bewirkt in jedem Gläubigen eine Liebe und Dankbarkeit gegenüber Gott und Christus, sodass er motiviert wird, ein Leben der Hingabe an die Personen der Dreieinheit zu führen. Und nicht nur eine Liebe zu Gott und zu Christus, sondern auch eine Liebe zu all denen, die genauso vom selben Vater gezeugt wurden, egal aus welcher Rasse oder Nationalität (1Jo 5,1).

Aber an diesem Punkt könnte jemand einwenden: »Das klingt alles viel zu einfach. Beschreibt nicht die Bibel selbst das christliche Leben als ein Leben des Kampfes?« Ja, das tut sie, und wir werden das in unserem nächsten Kapitel betrachten.