Rechtfertigung - Schwamm drüber reicht nicht

Die nächsten beiden grundlegenden Begriffe, die das Neue Testament benutzt, um das zu beschreiben, was Gott bereit ist, für uns zu tun, sind »rechtfertigen« und »Rechtfertigung«. Es sind juristische Begriffe. Das befremdet manche Menschen. Sie argumentieren, dass, wenn es denn einen Gott gibt, dieser uns wie ein Vater seine Kinder lieben muss und bereit sein wird, seine irrenden Kinder willkommen zu heißen, wie der Vater es im berühmten Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15) tat. Der Vater handelte nicht als Richter und zerrte seinen Sohn nicht in einen Gerichtssaal; auch Gott tut das nicht, sagen diese Kritiker.

Aber das ist ein oberflächliches Denken. Sogar im Gleichnis nimmt der Vater – obwohl er dem verlorenen Sohn die Verschwendung vergibt und ihn wieder in seine Stellung einsetzt – nicht das Erbteil des älteren Bruders, um die Hälfte davon dem zurückgekehrten verlorenen Sohn zu geben, weil er dadurch dessen Verschwendung ausgleichen will. Das wäre höchst ungerecht gewesen; und Gottes Vergebung kann nicht auf Kosten der Gerechtigkeit gehen – weder gegenüber sich selbst noch gegenüber anderen Menschen.

Stellen Sie sich vor, Ihre Tochter arbeitet in einer Bank. Eines Tages dringt ein Räuber in die Bank ein, erschießt sie und entkommt mit einer großen Summe des Geldes. Was würden Sie von dem Richter halten, wenn er, als der Kriminelle vor ihn gestellt wird, sagen würde: »Obwohl dieser Mann ein Krimineller ist – er ist mein Sohn, und ich liebe ihn. Er sagt, dass es ihm leidtut. Also werde ich ihm vergeben, ohne ihm eine Strafe aufzuerlegen«? Würden Sie nicht protestieren, dass solch eine Vergebung – sowohl für Sie als auch für Ihre Tochter – höchst ungerecht ist und die Grundlage für eine gerechte und zivilisierte Gesellschaft untergräbt? Was das Gleichnis vom verlorenen Sohn lehrt, ist gewiss wahr: Gott ist bereit, seinen Kindern zu vergeben. Aber das ist nur eine Seite der Wahrheit. Die andere Seite ist, dass Gottes Vergebung im Einklang mit allgemeingültiger Gerechtigkeit stehen muss; und das muss auch sichtbar sein.

Wir werden schnell herausfinden, dass das Verb »rechtfertigen« zwei grundlegende Bedeutungen hat:

1. erklären, dass jemand sich im Recht befindet;
2. zeigen, dass jemand oder etwas richtig ist.

Es heißt nicht »jemanden gerecht machen«. Lukas 7,29 sagt: »Das ganze Volk [...] rechtfertigte Gott.« Das kann nicht bedeuten, dass die Leute Gott gerecht machten. Gott war nie weniger als gerecht; niemand muss ihn gerecht machen. Es bedeutet, »die Menschen erklärten, dass Gott gerecht ist«.

Aber beginnen wir von vorn. Hier ist ein Beispiel für den Gebrauch des Wortes in einem menschlichen Gerichtssaal zu biblischen Zeiten.

»Wenn ein Streit zwischen Männern entsteht und sie vor Gericht treten und man richtet sie, so soll man den Gerechten gerecht spre­ chen und den Schuldigen schuldig« (5Mo 25,1).

Die Bedeutung der Aussage »den Gerechten gerecht sprechen und den Schuldigen schuldig« ist klar. »Den Schuldigen schuldig sprechen« heißt nicht »ihn schuldig machen«, sondern »ihn für schuldig erklären« oder »erklären, dass er unrecht hat«. Gleiches gilt für »den Gerechten gerecht sprechen«. Dies bedeutet: Der Mann, bei dem sich herausstellt, dass er sich richtig verhalten hat, muss für gerecht erklärt werden.

Leider passiert es manchmal in menschlichen Gerichten, dass es dem, der tatsächlich das Falsche getan hat, gelingt, den Richter oder die Geschworenen zu bestechen, sodass ein falsches Urteil gefällt wird:

»Wer den Gottlosen rechtfertigt [d. h. den bösen Mann für gerecht erklärt] und wer den Gerechten verurteilt, sie alle beide sind dem HERRN ein Gräuel« (Spr 17,15).

Das im Blick, lesen Sie nun das folgende Gleichnis, das Jesus erzählt hat. Es wird einige Überraschungen beinhalten.

»Er sprach aber auch zu einigen, die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien, und die Übrigen verachteten, dieses Gleichnis: Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. Der Pharisäer trat hin und betete bei sich selbst so: O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die Übrigen der Menschen: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, ich verzehnte alles, was ich erwerbe. Der Zöllner aber, von fern stehend, wollte nicht einmal die Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und sprach: O Gott, sei mir, dem Sünder, gnä­ dig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus vor jenem; denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden« (Lk 18,9-14).

1. Als Erstes gilt es zu bemerken, dass Jesus hier den Begriff »gerechtfertigt« benutzt: Der Zöllner ging gerechtfertigt nach Hause. Das ist interessant. Der Pharisäer und der Zöllner waren nicht zu einem irdischen Gerichtshof gegangen, um vor einem irdischen Richter zu erscheinen. Sie waren in den Tempel zum Beten gegangen. Aber als sie vor Gott standen und auf ihr Leben zurückblickten, agierte Gott als ihr Richter und fällte sein Urteil über sie.

2. Als Zweites gilt es zu bemerken, dass gemäß Christus einer der beiden Männer gerechtfertigt nach Hause ging; das heißt, Gott als Richter hat diesen Mann vor dem Gericht Gottes für gerecht erklärt.

3. Drittens bemerken wir, dass der eine Mann von Gott gerechtfertigt wird, der andere jedoch nicht. Und das ist sehr verwunderlich! Denn der Zöllner war in seiner Selbsteinschätzung ein Sünder; und die meisten seiner Zeitgenossen hätten das Eintreiben der Steuern für die Beamten des Römerreiches – und die damit verbundenen Betrügereien – als eine der verabscheuungswürdigsten Sünden betrachtet. Und doch war er es, den Gott rechtfertigte! Der Pharisäer hingegen versuchte, so gut es ihm möglich war, zu leben – religiös, wirtschaftlich und sozial. Er war weder ungerecht noch ein Wucherer, noch ein Ehebrecher; er fastete zweimal die Woche, gab den Zehnten von seinem Einkommen für Gott, damit dieser Betrag anderen zugutekäme. Und doch rechtfertigte Gott ihn nicht.

Auf den ersten Blick ist dies nicht nur verwunderlich, es ist schockierend. Die Bibel selbst verbietet, wie wir gerade gesehen haben, dass irdische Richter den Bösen rechtfertigen und den Gerechten verurteilen. Wie also konnte Gott, als diese beiden Menschen vor seinem Gericht erschienen, den Zöllner, der ein schlechter Mann war, rechtfertigen und den Pharisäer, der ein guter Mann war, nicht? Ein Teil der Antwort steckt in den folgenden Prinzipien.

1. Die Maßstäbe von Gottes Gesetz sind absolut. Gottes Maßstäbe unterscheiden sich von unseren. Wenn ein Schüler eine Prüfung schreibt und von 100 Punkten 70 erreicht, wird er wahrscheinlich die Prüfung bestanden haben, auch wenn ihm 30 Punkte fehlen. Aber Gottes Gesetz ist nicht so. Es verlangt immer 100 Prozent. Und niemand von uns hat das erreicht. Einige von uns mögen besser als andere sein. Gott ist genau: Er kann nicht vorgeben, dass wir besser wären, als wir tatsächlich sind. Sein Urteil lautet: »Alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit [d. h. den vollkommenen Maßstab] Gottes« (Röm 3,23).

2. Gottes Gesetz ist ein Ganzes. Brich ein Gebot, und du bist schuldig, das ganze Gesetz gebrochen zu haben, sagt die Bibel (Jak 2,10). Vielleicht klingt das auf den ersten Blick unfair, aber Gottes Gesetz ist keine Sammlung von untereinander nicht in Verbindung stehenden Geboten, sodass es, wenn man eines bricht, den Rest unverletzt lässt. Gottes Gesetz ist ein einheitliches Ganzes. Seine Zielsetzung und Forderung ist Vollkommenheit. Wenn Sie ein Gebot brechen, dann ist das Ergebnis weniger als perfekt, auch wenn Sie den Rest völlig halten würden. Wenn Sie nur ein Glied einer Ankerkette zerbrechen, wird das Schiff abtreiben. Machen Sie einen Rechenfehler beim Zusammenzählen einer langen Zahlenreihe, und das Ergebnis wird falsch sein. Und sogar der Beste von uns hat mehr als nur ein Gebot Gottes gebrochen.

3. Deshalb verurteilt Gottes Gesetz uns alle. Ob wir versucht haben, gut zu handeln wie der Pharisäer, oder Schlechtes getan haben wie der Zöllner – wir haben alle Gottes Gesetz gebrochen. Und die Bibel sagt: »Wir wissen aber, dass alles, was das Gesetz sagt, es zu denen redet, die unter dem Gesetz sind, damit jeder Mund verstopft werde und die ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen sei« (Röm 3,19).

Die Antwort auf die eine Hälfte der Frage

Und nun können wir zumindest die Antwort auf die eine Hälfte unseres Problems sehen: Warum wurde der Pharisäer nicht gerechtfertigt? Weil er, als er vor Gott kam, alle seine guten Taten zitierte, alle seine ehrlichen Bemühungen, Gottes Gesetz zu halten; und er hoffte, aus diesen Gründen von Gott gerechtfertigt zu werden. Aber das war unmöglich. So gut seine Bemühungen waren, es reichte immer noch nicht aus – er hatte Gottes Gesetz gebrochen. Er verdiente deshalb, die Strafe zu erleiden. Gott kann es nicht anders vorgeben. Sein Wort sagt: »Darum, aus Ge­ setzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde« (Röm 3,20).

Jemand mag sagen: »Wenn das so ist, muss das bedeuten, dass Gott niemanden für gerecht erklären kann; er kann niemanden, der vor seinem Gericht erscheint, rechtfertigen. Aber was ist dann mit dem Zöllner? Er hat sicher Gottes Gesetz schlimmer gebrochen als der Pharisäer. Wie kann Christus dann sagen, dass der Zöllner gerechtfertigt vom Tempel wegging?«

Die Antwort auf die zweite Hälfte unseres Problems

Es gibt in der Theorie zwei Wege, wie wir von Gott gerechtfertigt werden können. Ein Weg ist, sein Gesetz völlig zu halten: Gott kann uns dann als »gerecht vor Gott« bezeichnen. Aber dieser Weg ist in Wirklichkeit unmöglich für uns, wie wir gesehen haben. Wir haben alle schon Gottes Gesetz gebrochen.

Der andere Weg, um von Gott gerechtfertigt zu werden, ist, dass wir die Strafe für das Brechen von Gottes Gesetz bezahlen. Aber wenn wir das tun müssten, würde das für uns die ewige Trennung von Gott bedeuten; deshalb die missliche Lage, in der wir uns alle befinden.

Gottes Lösung ist, dass sein Sohn, als Stellvertreter der Menschheit, die Strafe für uns bezahlt hat, indem er die Verurteilung Gottes wegen der Sünde trug und am Kreuz starb. Wenn wir deshalb unseren Glauben auf Jesus setzen, kann Gott Jesu Tod als unseren Tod werten; unsere Strafe wurde damit von Jesus bezahlt. Gott kann uns rechtfertigen, d. h. uns vor seinem Gerichtsthron für gerecht erklären.

Hier lesen wir, wie es die Bibel ausdrückt:

»… denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlich­ keit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist; den Gott dargestellt hat als ein Sühnmittel durch den Glauben an sein Blut, zur Er­ weisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vor­ her geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist« (Röm 3,23-26).

Heißt das, dass alle Männer und Frauen automatisch gerechtfertigt sind? Nein, gemäß dem Gleichnis wurde der Pharisäer nicht gerechtfertigt – der Zöllner schon. Und das deshalb, weil er, als er vor Gott stand, sich an die Brust schlug und so seine Sünden bekannte; er verdammte sich selbst, und er erkannte an, dass er für das Brechen der Gebote Gottes Strafe verdient hatte. Dann warf er sich im Glauben auf Gottes Gnade, indem er sagte: »O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig.« Sogleich rechtfertigte ihn Gott; das heißt, er erklärte ihn für gerecht vor Gott, frei von der Strafe für Sünde, gerechtfertigt ein für alle Mal.

Darüber hinaus sagt uns die Bibel: »Und ebenso wie es den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht …« (Hebr 9,27-28). Das bedeutet, dass Gott uns nicht jeden Tag unseres Lebens vor sein Gericht zitiert. Es gibt nur einen Gerichtstag; und der kommt nach unserem Tod. Bei diesem einen Gericht wird das ganze Leben betrachtet und Gottes Urteil ausgesprochen.

Und das Wunderbare ist, dass wir nicht bis zu diesem Tag des Gerichts warten müssen, bevor wir wissen können, wie das Urteil ausfallen wird (siehe auch Joh 5,24). Gott sagt denen, die ihren Glauben auf Jesus setzen, dass das ein für alle Mal geschehene Sterben Christi am Kreuz ausreicht, die Schuld ihres ganzen Lebens angesichts des Gerichtstages zu bedecken. Sie haben deshalb nichts zu befürchten. Durch Glauben an Christus einmal gerechtfertigt, bleiben sie gerechtfertigt für immer; und gerechtfertigt durch Glauben, haben sie dauerhaft Frieden mit Gott (Röm 5,1).

Zusammenfassend können wir bis hierher festhalten: Wenn wir fragen: »Aufgrund welcher Bedingungen werden wir vor Gott gerechtfertigt?«, ist die Antwort, die das Neue Testament gibt: »Denn wir urteilen, dass ein Mensch durch Glauben gerecht­ fertigt wird, ohne Gesetzeswerke« (Röm 3,28). »Warum aber«, mag jemand einwenden, »sagt das Neue Testament anderswo: ›Ihr seht also, dass ein Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein‹? (Jak 2,24). Ist das kein Widerspruch?«

Die Bedeutung von Rechtfertigung aus Werken

Nein, es ist kein Widerspruch. Jakobus benutzt den Begriff »rechtfertigen« in seiner anderen Bedeutung: nicht jemanden für gerecht erklären, sondern beweisen oder darlegen, dass jemand gerecht ist. Es ist gewiss wahr, dass ein Mensch von Gott für gerecht erklärt wird auf der Grundlage seines Glaubens und nicht aufgrund seiner Werke. Aber der einzige Weg, wie dieser Mensch seiner Familie und seinen Freunden zeigen kann, dass er diese Art des Glaubens hat, ist durch sein Verhalten, durch seine Werke.

Nehmen wir an, ein Mann sagt zu seinen Freunden: »Letzte Woche erhielt ich einen Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ein reicher Verwandter von mir gestorben ist und mir eine große Summe Geld hinterlassen hat. Alles, was ich tun müsste, wäre, zur Bank zu gehen und dieses Geschenk anzunehmen. Ich glaubte dem Brief, nahm das Geschenk an, und nun bin ich steinreich.«

Hätten seine Freunde nicht das Recht zu antworten: »Du sagst, du bist reich, weil du einfach an den Brief geglaubt hast? Zeige uns bitte durch deinen veränderten Lebensstil, dass dein Glaube und das Geschenk Wirklichkeit sind – nicht bloß eine Geschichte, die du dir ausgedacht hast. Rechtfertige deine Geschichte durch deine Werke.« So müssen diejenigen, die aufgrund ihres Glaubens – und nicht infolge ihrer Werke – von Gott gerechtfertigt wurden, nun zeigen, dass ihr Glaube echt war und ist. Es gibt nur einen Weg, um zu zeigen, dass der eigene Glaube echt ist – und das ist, wie Jakobus sagt, durch die entsprechenden Werke.