Sünde - Eine Krankheit und ihre Symptome

Man muss nicht unbedingt sehr lange leben, um zu entdecken, dass mit den Menschen irgendetwas nicht stimmt. Einige unglückliche Kinder entdecken es allzu schnell, wenn ihre Eltern – von denen sie zu Recht erwarten dürften, dass sie nett und liebevoll seien – sich unangemessen verhalten, ihre Beherrschung verlieren und sie misshandeln. Sie werden später merken, dass dieses »Irgendetwas«, das nicht stimmt, sich nicht auf ihre Eltern und ihre Familie beschränkt: In verschiedenen Formen, in größerem oder kleinerem Ausmaß, ist mit jedem irgendetwas nicht in Ordnung.

Die Geschichte zeigt, dass dieses »Irgendetwas« in internationalen Beziehungen ohne Ausnahme in allen Jahrhunderten da war; auch heute noch – trotz gewaltiger, segensreicher Fortschritte in allen Bereichen der Wissenschaft und der Technik – offenbart es sich in einem irrationalen Verhalten, das ungeheuerlich ist. Wenn sich die Nationen nur gegenseitig vertrauen könnten und kooperieren würden, anstatt sich einen Wettkampf bei der Erschließung der Erdressourcen zu liefern, könnten sie diese Welt in ein Paradies verwandeln. Die Wüste könnte fruchtbar werden; Armut, Hungersnot und Epidemien würden verschwinden, und das Wohlergehen aller würde vergrößert und ihre Lebensdauer verlängert werden. – Aber nein, Nationen trauen sich gegenseitig nicht und können das auch nicht; und in der Folge werden Unmengen von Geld und Zeit und Energie für immer höher entwickelte Waffen der Zerstörung ausgegeben.

Aber es sind nicht nur Nationen, die sich unverständig verhalten. Wir alle tun es. Sie tun es, ich tue es. Früher oder später müssen wir trotz aller unserer Vorsätze und guten Absichten zugeben, wie es Paulus vor Jahrhunderten festhielt: »Denn nicht das Gute, das ich will, übe ich aus, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich« (Röm 7,19).

Was ist also falsch mit uns? Was ist diese universelle Krankheit, an der wir alle leiden? Die antiken griechischen Tragiker Äschylus, Sophokles und Euripides studierten die Symptome und versuchten, die Ursachen zu sondieren. So taten es auch die antiken Philosophen, und ebenso machen es die modernen. Auch die literarischen Schwergewichte wie Dostojewski, Tolstoi und Solschenizyn taten es. Es ist gewiss, dass wir uns selbst und die Welt, in der wir leben, nie wirklich verstehen werden, bis wir diese Krankheit realistisch sehen. Die Bibel hebt mit Gewissheit und Freude hervor, dass wir fortschreitend und vermehrt davon befreit werden können; und sie nennt diese Befreiung Errettung. Aber wir können nicht fassen, was Errettung bedeutet oder wie sie funktioniert, wenn wir nicht zuerst den biblischen Begriff für die Krankheit verstehen.

Der Begriff ist »Sünde«. Um ihn besser zu verstehen, wollen wir die körperliche Krankheit als Analogie benutzen. Medizinisches Personal muss zwischen den Symptomen einer Krankheit und der eigentlichen Ursache dafür unterscheiden. Denn wenn jemand eine Heilung erreichen will, hilft es nicht, dass er die Symptome unterdrückt, ohne die Krankheit selbst loszuwerden. Und es gibt keine Hoffnung dafür, wenn nicht jemand die Ursache angeht und sie eliminiert.

Nehmen Sie z. B. Gelbsucht, die genau genommen keine Krankheit ist, sondern das äußere Symptom für eine innere Stoffwechselstörung oder ein Karzinom der Leber usw. Klar, dass es nutzlos wäre, die Gelbsucht loszuwerden, wenn man die ihr zugrunde liegende Krankheit nicht heilt.

Die Symptome der Sünde

Das Neue Testament gibt uns verschiedene Listen von den Symptomen der Sünde, und normalerweise fügt es eine Warnung über die Schwere dieser Symptome hinzu. Hier ist eine Liste:

»Offenbar aber sind die Werke des Fleisches, welche sind: Hurerei, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Sekten, Neid, Totschlag, Trunkenheit, Gelage und dergleichen, von denen ich euch vorher­ sage, wie ich auch vorhergesagt habe, dass die, die so etwas tun, das Reich Gottes nicht erben werden« (Gal 5,19-21).

Hier ist noch eine Liste, die eine grauenhafte Beschreibung von den Symptomen in fortgeschrittenem Stadium der Krankheit gibt:

»… wie geschrieben steht: ›Da ist kein Gerechter, auch nicht einer; da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der Gott sucht. Alle sind abgewichen, sie sind allesamt untauglich geworden; da ist kei­ ner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer.‹ ›Ihr Schlund ist ein of­ fenes Grab; mit ihren Zungen handelten sie trügerisch.‹ ›Schlan­ gengift ist unter ihren Lippen.‹ ›Ihr Mund ist voller Fluchen und Bitterkeit.‹ ›Ihre Füße sind schnell, Blut zu vergießen; Verwüstung und Elend ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens haben sie nicht erkannt.‹ ›Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen‹« (Röm 3,10-18).

Natürlich sagt keine dieser Listen, dass alle Symptome in gleichem Ausmaß bei jedem vorkommen. Auf der anderen Seite besteht das Neue Testament darauf, dass jedermann einige Symptome aufweist, denn die Krankheit ist universell.

Dann gibt es auch Beobachtungen, die man als allgemeine Symptome bezeichnen könnte. Eines davon ist moralische Schwäche:

»Denn … da wir noch kraftlos waren [...]« (Röm 5,6).

Als ein Beispiel könnten wir Pontius Pilatus nehmen, den römischen Statthalter, der für die Kreuzigung von Jesus Christus verantwortlich war (Mt 27,11-26; Lk 23,1-25; Joh 18,28 – 19,16). Er ist der Letzte, von dem wir erwartet hätten, dass er schwach war. Er war ein hochrangiger Beamter, ein Offizier der römischen Armee in Judäa; und er war für Recht und Gesetz im Land verantwortlich.

Äußerlich war Pilatus wie ein großer Baumstamm, der an der Oberfläche stark und solide aussieht, aber im Inneren vom Holzwurm zerfressen ist; wenn man nun Druck auf ihn ausübt, zerbricht er.

Als er unter vier Augen mit Jesus redete, wurde ihm die Realität Gottes und die Tatsache bewusst, welch enorme Sünde es wäre, den unschuldigen Sohn Gottes zu kreuzigen. Also entschied er sich, das zu tun, wovon er wusste, dass es richtig sei: Er wollte Jesus freilassen (Joh 19,8-12). Aber als er herauskam, schrie die Menschenmenge drohend, und ihre Führer erpressten ihn mit der Drohung, ihn beim römischen Kaiser zu verleumden. Und Pilatus brach ein. Obwohl er wusste, dass das, was er im Begriff stand zu tun, ein krimineller Betrug an der Gerechtigkeit war, zerstörte die Angst seinen Widerstand, und aus Angst verurteilte er Jesus zur Kreuzigung. Das führt uns zu der Frage: Haben wir nie eine Lüge ausgesprochen, aus Angst vor den Konsequenzen, wenn wir die Wahrheit sagen würden? Haben wir nie etwas getan, von dem wir wussten, dass es falsch ist, nur weil die Gruppe, zu der wir gehören, darauf bestand, dass wir es tun, und wir Angst hatten, uns gegen die Gruppe zu stellen?

Ein anderes allgemeines Symptom der Sünde ist Ungöttlichkeit:

»[Wir wissen,] dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Zügellose, für Gottlose und Sün­ der, für Unheilige und Ungöttliche, für Vaterschläger und Mutter­schläger, für Menschenmörder, Hurer, Knabenschänder, Menschen­ räuber, Lügner, Meineidige und wenn etwas anderes der gesun­ den Lehre entgegen ist, nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes, das mir anvertraut worden ist« (1Tim 1,9-11).

Das griechische Wort, das hier mit »ungöttlich« übersetzt wird, meint »Leute, die keinen Respekt haben oder keine Rücksicht zeigen«. Der Eine, dem gegenüber sie keinen Respekt zeigen, ist in erster Linie Gott. Aber hier hört es nicht auf. Der Mensch ist im Bilde Gottes geschaffen; und wenn Leute den Respekt und die Anerkennung für den Schöpfer verlieren, beginnen sie, seine Geschöpfe (die Menschen) abzuwerten. Sie verlieren den Respekt gegenüber der Heiligkeit des menschlichen Körpers – sowohl ihres eigenen als auch desjenigen anderer Leute. Das bringt die große und hässliche Brut der sexuellen Sünden hervor, den Missbrauch von Alkohol und Drogen, die der körperlichen Gesundheit schaden und den Verstand schwächen. Die Betreffenden verlieren den Respekt für die Heiligkeit der Wahrheit. Deshalb gibt es alle Arten von Lügen, Verführungen und gebrochenen Versprechen. Am Ende verlieren sie den Respekt für die Heiligkeit des Lebens. Deshalb die endlose Kriminalität und Gewalt.

Entfremdung und Feindschaft gegen Gott sind ein weiteres Symptom:

»Die Gesinnung des Fleisches [ist] Feindschaft … gegen Gott«
(Röm 8,7).

»Und euch, die ihr einst entfremdet und Feinde wart nach der Ge­ sinnung in den bösen Werken …« (Kol 1,21).

Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts waren Beispiele dieses speziellen Symptoms in großem Umfang allzu offensichtlich. Die Regierungen in vielen Ländern haben versucht, ihre Macht einzusetzen, um systematisch jeden Glauben an Gott und Christus auszutilgen. Aber Feindschaft gegen Gott ist nicht auf offen bekennende Atheisten beschränkt. Manchmal können auch äußerlich religiöse Menschen im Herzen Feinde Gottes sein. Der christliche Apostel Paulus war immer sehr religiös; aber er war ein erbitterter Feind von Jesus Christus, bevor er sich bekehrte (1Tim 1,12-17).

Es ist Tatsache, dass die Rebellion gegen Gott im Herzen eines jeden von uns steckt. Wenn Gott uns in der Bibel befiehlt, etwas zu tun oder etwas nicht zu tun, dann bewirkt dieser Befehl oft eine Ablehnung in uns und ruft in uns den Wunsch hervor, gerade das Gegenteil zu tun. Der Apostel Paulus zitiert ein Beispiel aus seinem eigenen Leben (Röm 7,5.7-9). Für einige Jahre lebte er ohne das Bewusstsein, dass Gott geboten hatte: »Du sollst nicht begehren.« Aber dann brachte Gott dieses Gebot in seinem Herzen ins Bewusstsein; und nun bemerkte Paulus, dass gerade dieses Gebot alle möglichen Begehrlichkeiten in seinem Herzen aufwühlte, die er – obwohl er gegen sie kämpfte – nicht kontrollieren konnte und – was noch gravierender war – gar nicht ganz beherrschen wollte.

Natürlich drückt sich diese grundlegende Feindschaft gegen Gott nicht notwendigerweise, und nicht immer, in offener Feindschaft aus. Meistens nimmt sie die Form der Gleichgültigkeit an.

Wenn jetzt einer sagt: »Ich bin nicht an Musik oder Kunst interessiert«, mögen wir denken, dass dies schade ist, aber wir empören uns nicht darüber, denn es ist eine Frage des Geschmacks. Aber wenn eine Frau sagt: »Ich bin nicht an meinem Ehemann interessiert«, dann ist das eine Tragödie; denn es ist der klare Beweis dafür, dass sie von ihrem Ehemann entfremdet ist. Liebe wurde zerstört. Wenn jemand sagt: »Ich habe einfach kein Interesse an Gott«, ist das äußerst tragisch. Wir verdanken unsere Existenz Gott. Nicht an Gott interessiert zu sein, ist ein unmissverständliches Symptom dafür, dass irgendwann eine ernste Entfremdung von Gott stattgefunden hat.

Dies also sind einige der Symptome. Aber die dahintersteckende Krankheit bezieht den Wunsch ein, von Gott un­ abhängig zu sein.

Der Wunsch, von Gott, unserem Schöpfer, unabhängig zu sein: Gemäß der Bibel (1Mo 3) bestand die erste Sünde, welche die Menschheit beging, nicht in etwas Schrecklichem oder Grausamem wie Mord oder Unmoral. Sie geschah, als Adam und Eva vom Teufel darin versucht wurden, selbst für sich zu entscheiden, was gut und was böse ist. Sie stellten sich vor, dass sie sicher ihr eigener Gott sein könnten. Also nahmen sie die verbotene Frucht. Dies führte sofort zu einer Entfremdung von Gott und zu einem Gefühl der Schuld und Scham. Daraufhin wollten sie von Gott weglaufen und sich vor ihm verstecken, weil sie meinten, dass Gott jetzt gegen sie sei. Wir alle sind ihnen auf dem Weg des Ungehorsams und der Unabhängigkeit gefolgt. Aber so zu leben, bedeutet, auf der Grundlage einer Unwahrheit, einer Scheinwirklichkeit zu leben. Wir haben uns nicht selbst geschaffen. Wir sind Geschöpfe Gottes. In Entfremdung und Unabhängigkeit von ihm zu leben, bedeutet, entgegen dem fundamentalen Gesetz unserer Existenz zu leben.

Und so sagt das Neue Testament, dass Sünde Gesetzlosigkeit ist:

»Jeder, der die Sünde tut, tut auch die Gesetzlosigkeit, und die Sünde ist die Gesetzlosigkeit« (1Jo 3,4).

Wir wissen, in welche Gefahren wir uns begeben, wenn wir die physikalischen Gesetze des Schöpfers nicht beachten, z. B. die Gesetze der Elektrizität. Nehmen wir an, jemand kauft einen elektrischen Herd und macht keine Anstalten, die Gebrauchsanweisung des Herstellers zu lesen und zu befolgen. Er schließt ihn so an, wie er es selbst für richtig hält. Als Ergebnis bekommt er einen Stromschlag. Wir würden ihn kaum bemitleiden; wir würden ihn für einen Dummkopf halten, weil er sich nicht an die Herstellerangaben gehalten und keine Notiz von den Gesetzen der Elektrizität genommen hat. Gleichermaßen führen das grundlegende Vergessen und der Ungehorsam gegenüber den moralischen und geistlichen Gesetzen des Schöpfers zur moralischen und geistlichen Katastrophe. Dies ist die eigentliche Ursache von allen Symptomen der Sünde.

Das Bemerkenswerte ist, dass es gemäß der Bibel eine Heilung gibt.

»Das Wort ist gewiss und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, um Sünder zu erretten.« »Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn errettet werde« (1Tim 1,15; Joh 3,17).

Die folgenden Kapitel behandeln deshalb die Begriffe, die das Neue Testament benutzt, um diese Errettung zu beschreiben und zu erklären, wie sie funktioniert.

Aber es gibt zwei Dinge, die wir sofort anmerken sollten. Viele Menschen denken, dass der Weg, um errettet zu werden, darin besteht, unser Bestes zu tun, um die Symptome der Sünde aus unserem Leben sozusagen auszumerzen. Das ist in sich selbst eine gute Sache, aber sie kann uns nicht erretten. Sie mögen jeden Apfel von einem Apfelbaum herunterschneiden, aber es ist immer noch ein Apfelbaum. Das ist seine innere Natur. Genauso würden auch wir (selbst wenn wir es schaffen würden, jedes Symptom der Sünde zu unterdrücken) immer noch eine sündige Natur in uns haben. Und das, sagt die Bibel, ist nicht unser Fehler. Wir wurden so geboren. Wir erbten eine gefallene, sündige Natur von unserem Urahn Adam. Aber in der gleichen Weise können wir, wenn wir wollen, von Christus sein nicht gefallenes, heiliges Leben empfangen, dessen Natur es ist, zur Freude Gottes zu leben. »Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen [Adam] die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen [Christus] die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden« (Röm 5,19).

Und das Zweite, das es zu bedenken gilt, ist Folgendes: Gott liebt uns, während wir noch Sünder sind. Das ist das Geheimnis, warum Gottes Errettung so praktisch ist und tatsächlich funktioniert. Wir müssen uns nicht erst verbessern, bevor Gott bereit ist, uns anzunehmen und sein großes Werk der Errettung in uns zu beginnen. Er liebt uns und ist bereit, uns so zu akzeptieren, wie wir sind. Darauf liegt das Gewicht in der Argumentation von Römer 5,6-11 – einer Textstelle, über die jeder Mensch, der sich ernsthaft mit dem Problem der Sünde auseinandersetzt, intensiv nachdenken sollte.