Versöhnung - Der Weg zum Frieden

In unserem letzten Kapitel studierten wir die moralische und geistliche Krankheit, an der wir alle leiden, und ihre Symptome der Entfremdung von unserem Schöpfer. Nun beginnen wir, jene Begriffe zu studieren, welche die Heilung beschreiben.

Als Erstes betrachten wir das wunderbare Wort Versöhnung zusammen mit dem ihm verwandten Verb »sich versöhnen«. Es ist vielleicht der am leichtesten zu verstehende Begriff, weil wir schon aus unseren Beziehungen zu anderen Menschen wissen, was er bedeutet. Die meisten von uns haben bereits Erfahrungen wie die folgende gemacht: Wir haben etwas Falsches gesagt oder getan, das einen Freund oder irgendjemand anders tief getroffen oder sogar verletzt hat. Schließlich hat der Freund uns mit unserem falschen Verhalten konfrontiert. Aber anstatt es zuzugeben und um Vergebung zu bitten, hat uns Stolz oder Angst dazu gebracht, den Fehler abzustreiten oder ihn sogar zu leugnen; wir wurden ärgerlich und warfen ihm unsererseits vieles an den Kopf. Dann gingen wir weg und murrten: »Ich will ihn nie mehr sehen oder sprechen.« Damit begann eine lange Zeitspanne der Entfremdung, Distanz und Stille. Wenn während dieser Zeit jemand unabsichtlich unseren früheren Freund wegen etwas gelobt hat, haben wir es ihm übel genommen. Und dann haben wir unsere (verdrehte) Sicht der Dinge wiedergegeben, um den Charakter unseres früheren Freundes anzuschwärzen und so unsere Feindseligkeit ihm gegenüber zu rechtfertigen.

So in etwa ist es bei vielen Menschen mit ihrer Beziehung zu Gott. Aufgrund von Erinnerungen und infolge eines schlechten Gewissens ist es ihnen tief im Innern bewusst: Wenn es einen Schöpfer gibt, dann muss er gegen ihre Sünden und – so stellen sie es sich vor – auch gegen sie selbst sein. Anstatt ihre Sünden zu bekennen, verneinen sie deshalb, dass es einen Schöpfer gibt. Wenn sie nun jemanden treffen sollten, der an Gott glaubt, ihn liebt und anbetet, nehmen sie ihm das innerlich übel und beschuldigen Gott wegen aller bösen Dinge, die religiöse Leute getan haben, als ob es Gottes Fehler wäre (und als ob Atheisten noch nie etwas Böses getan hätten), oder sie beschuldigen Gott, weil er so viel Leid auf der Welt zulässt usw. Und so bleibt ihre Entfremdung von Gott bestehen, und das Leben bleibt grau – mit den dunklen Schatten von letztendlicher Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit, nur kurz erleuchtet durch die unregelmäßigen Proteste eines schlechten Gewissens, das sich beständig weigert, sich ruhig zu verhalten.

»Versöhnung« ist das Wort, das uns mitteilt, dass Gott selbst aktiv geworden ist, diese Entfremdung zu überwinden, die zugrunde liegenden Missverständnisse zu vertreiben und die Hindernisse für Frieden aus dem Weg zu räumen. Es gibt zwei Abschnitte im Neuen Testament, die uns berichten, wie das geschah:

»[Er (d. h. Jesus Christus) ist] das Bild des unsichtbaren Gottes … der Erstgeborene aller Schöpfung. Denn durch ihn sind alle Dinge geschaffen worden, die in den Himmeln und die auf der Erde, die sichtbaren und die unsichtbaren, es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: Alle Dinge sind durch ihn und für ihn geschaffen. Und er ist vor allen, und alle Dinge bestehen durch ihn. Und er ist das Haupt des Leibes, der Versammlung, der der Anfang ist, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem den Vorrang habe. Denn es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen und durch ihn alle Dinge mit sich zu ver­ söhnen – indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreu­ zes –, durch ihn, es seien die Dinge auf der Erde oder die Dinge in den Himmeln. Und euch, die ihr einst entfremdet und Feinde wart nach der Gesinnung in den bösen Werken, hat er aber nun versöhnt in dem Leib seines Fleisches durch den Tod, um euch heilig und un­ tadelig und unsträflich vor sich hinzustellen« (Kol 1,15-22).

Den zweiten Abschnitt können Sie in 2. Korinther 5,18-22 finden. Als Erstes erkennen wir in diesen Abschnitten über Versöhnung, dass in diesem Prozess Gott den ersten Schritt gemacht hat:

»Gott [hat] … uns mit sich selbst versöhnt … durch Christus … Gott [war] in Christus … die Welt mit sich selbst versöhnend …«

Gerade das ist bemerkenswert, denn Gottes normale Regel für menschliche Wesen besteht in Folgendem: Wenn sie sich untereinander entzweien, ist es die Verantwortung dessen, der sich falsch verhalten hat, die Initiative für eine Versöhnung zu ergreifen. Deshalb sagt Jesus: »Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuvor hin, versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm und bring deine Gabe dar« (Mt 5,23-24). Aber Gott hat an der Welt nicht falsch gehandelt. Er muss sich für nichts entschuldigen. Es waren die Menschen, die durch ihre Rebellion all die Feindschaft gegen ihn begannen. Trotzdem ist es Gott, der den ersten Schritt zu unserer Versöhnung auf uns zu machte, indem er seinen Sohn in die Welt sandte.

Und das ist noch aus einem anderen Grund bemerkenswert. Oft, wenn Menschen sich zerstritten haben, wünschen sie, sie könnten einen Schritt aufeinander zu machen, um wieder Freunde zu sein. Aber jeder hat Angst davor, von der anderen Seite zurückgewiesen zu werden. Aber Gott sandte seinen Sohn in die Welt, obwohl er schon vorher wusste, dass dieser abgelehnt, gedemütigt und gekreuzigt werden würde. Tatsächlich ist das der Grund, warum der Sohn Gottes, durch den das Universum erschaffen wurde, zu uns kam, dabei aber seine göttliche Herrlichkeit in menschlicher Gestalt verbarg. Seine unverhüllte Herrlichkeit hätte es für Menschen unmöglich gemacht, sich ihm zu nahen, geschweige denn ihre Feindseligkeit ihm gegenüber auszudrücken. So geschah es, dass sie alle ihre Feindseligkeit gegen Gott an Jesus ausließen und ihn an ein Kreuz schlugen. Und als sie das getan hatten, hat Gott verkündet, dass er sie immer noch liebt und bereit ist, all das und die ganzen anderen Sünden zu vergeben (Apg 2,36-39). Denn er liebte sie, obwohl sie immer noch seine Feinde waren.

Das war Gottes Antwort auf die Verleumdung, die der Teufel in das Denken der Menschen einschleuste: Gott sei ein Tyrann und warte nur auf die erstbeste Möglichkeit, um Menschen daran zu hindern, ihre Persönlichkeit voll zu entfalten und ihre eigenen guten Ziele zu verfolgen (1Mo 3).

Es ist nicht so, dass Gott milde gegenüber Sünde und bereit ist, vor der menschlichen Arroganz und Bosheit zu kapitulieren, um die Freundschaft mit den Menschen zu bewahren oder wiederzugewinnen. Gott ist kein Schwächling. Er kann und wird nicht die Sicht einnehmen, dass Sünde nichts ausmacht. Wir müssen deshalb verstehen, was im Neuen Testament der Begriff »versöhnen« bedeutet, wenn es heißt: »[Durch] Christus [hat Gott] … die Welt mit sich selbst versöhnt.« Und darum müssen wir betrachten, wie man das Wort im antiken Griechisch benutzte – der Sprache, in der das Neue Testament geschrieben wurde.

Wenn ein Mann A durch sein falsches Verhalten einen anderen Mann B schwer beleidigt hatte, dann hatte B jedes Recht, auf A böse zu sein und ihm sein falsches Verhalten vorzuwerfen. Um A mit B zu versöhnen, musste man deshalb weniger die Ansicht von A gegenüber B ändern, als vielmehr die Ursache für den gerechten Ärger von B gegenüber A beseitigen.

Nun ist Gottes Zorn gegenüber Sünde nicht ein zeitweiliges Verlieren der Geduld, das ihn dazu veranlasst, entgegen seinem Charakter zu handeln. Es ist auch kein Gefühl von Zorn, das sich wieder verflüchtigt. Auch kann es kein persönliches Empfinden von Missfallen sein, das er in seinen Gedanken geheim hält. Sünde ist eine Herausforderung für das Wesen und den Charakter Gottes; und als der moralische Herrscher des Universums muss Gott offen und aktiv den Zorn seines ganzen Wesens dagegen ausdrücken. Dies bedeutet deshalb, dass Gott nicht

permanent Sünde übersehen kann, und noch weniger, dass er so tun kann, als ob sie nichts ausmachen würde. Erst wenn Sünde bestraft wird – und das offen vor den Augen des ganzen Universums –, kann Gottes Zorn beschwichtigt und seinem Wesen Genüge getan werden. Um die Welt mit sich zu versöhnen, musste Gott erst die Ursache für seinen Zorn gegen die Welt beseitigen: Er musste die Sünde der Welt bestrafen. Wenn das nicht passiert wäre, hätte es keine Versöhnung und keine Haltung geben können, die Männer und Frauen aufnimmt und ihnen Gemeinschaft mit Gott ermöglicht.

Und das ist der Grund, warum – durch den gemeinsamen Beschluss der Gottheit – der Sohn Gottes Mensch wurde, ohne dass er aufgehört hat, Gott zu sein. Weil alle Fülle der Gottheit in ihm wohnte, konnte er für die Menschen Gott repräsentieren. Was Menschen ihm antaten, das taten sie Gott an. Wie er auf die Menschen reagierte, so reagiert Gott. In ihm konnten die Menschen sehen, wie Gott wirklich ist.

Gleichzeitig konnte er, weil er wahrer Mensch war (obwohl er nicht nur Mensch war), als Repräsentant der Menschen vor Gott stehen. Und so war er in der Lage, als Repräsentant und Stellvertreter der Menschheit die Sünde der Welt auf sich zu nehmen. Zugleich konnte er öffentlich den Zorn Gottes tragen und die Bestrafung für die Sünde erleiden. Dadurch beseitigte er vollständig die Ursache für Gottes Zorn über die Welt und machte es für den Menschen möglich, sich mit Gott versöhnen zu lassen und in Frieden mit ihm zu leben.

In 2. Korinther 5,18-21 lesen wir, »dass Gott in Christus war, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zu­ rechnend [...]. Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.« Das heißt, als Christus (obwohl er selbst sündlos war) die Sünde der Welt als Repräsentant der Menschheit auf sich nahm, hat Gott ihn so behandelt, als ob die Sünden der Welt seine wären. Die gerechte Bestrafung der Sünden der Menschheit wurde auf diese Weise von Christus vollständig erduldet – mit dem Ergebnis, dass es auf dem Weg des Menschen zurück zu Gott kein Hindernis mehr gibt. Gerechtigkeit verpflichtet Gott jetzt nicht mehr, die Sünde der Welt den Menschen zuzuschreiben. Alle dürfen durch Christus zu Gott kommen, mit ihm versöhnt werden und mit ihm jetzt und für immer in Frieden leben. Der Mensch muss nicht seinen eigenen Frieden mit Gott machen. Christus hat das schon für ihn getan. Wenn ein Mensch so zu Gott kommt, findet er sich in seinem Stellvertreter Christus angenommen, oder (wie die Bibel es ausdrückt) er wird angesehen wie Christus – völlig in der rechten Stellung vor Gott (»damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm«).

Heißt das nun, dass alle Menschen überall errettet sind oder letztlich das Heil annehmen werden, egal ob sie Gott ignorieren und ein sündiges Leben führen oder nicht, ob sie Atheisten bleiben oder nicht? Nein, natürlich nicht. Christus hat gewiss Versöhnung und Frieden mit Gott für die ganze Menschheit gebracht. Aber die Frage bleibt, ob wir auf unserer Seite willig sind, diesen Frieden anzunehmen oder nicht. Es geschah manchmal in der Geschichte, dass – wenn zwei Regenten von miteinander Krieg führenden Nationen einen Waffenstillstand ausgerufen oder einen Friedensvertrag geschlossen hatten – sich eine Splittergruppe in einer der Nationen weigerte, den Frieden anzunehmen. Sie fuhr damit fort, die andere Nation als Feind zu betrachten und jene Angehörigen der eigenen Nation, die den Frieden annahmen, als Verräter. Und so wurde weitergekämpft.

So ist es auch mit uns und Gott. Von denen, die den Frieden mit Gott annehmen, den Christus bewirkt hat, wird im Neuen Testament gesagt, dass sie »die Versöhnung empfangen haben« (Röm 5,11) und in einen beständigen Frieden mit Gott eintreten. Aber es ist für Menschen möglich, die Versöhnung abzulehnen und in ihrer Gleichgültigkeit und Feindschaft ihrem Schöpfer gegenüber zu verharren. Das zu tun, muss für ein Geschöpf unausweichlich zu einem Desaster führen.

Zwei weitere Segnungen entspringen diesem Frieden, den Christus geschaffen hat. Die erste ist: Jene, die durch Christus persönlich mit Gott versöhnt wurden, merken, dass er auch zu Frieden zwischen ihnen und denen führt, die genauso wie sie durch Christus mit Gott versöhnt wurden.

»Deshalb erinnert euch daran, dass ihr, einst die Nationen im Fleisch, [...] zu jener Zeit ohne Christus wart, entfremdet dem Bür­ gerrecht Israels [...] Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch das Blut des Christus nahe geworden. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht und abgebrochen hat die Zwischenwand der Umzäunung, nachdem er in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, weggetan hatte, damit er die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe und die beiden in einem Leib mit Gott ver­ söhnte durch das Kreuz, nachdem er durch dieses die Feindschaft ge­ tötet hatte. Und er kam und verkündigte Frieden, euch, den Fernen, und Frieden den Nahen. Denn durch ihn haben wir beide den Zu­ gang durch einen Geist zu dem Vater« (Eph 2,11-18).

Dieser Abschnitt beschreibt, wie Christus der jahrhundertelangen Feindschaft zwischen Juden und Nicht-Juden ein Ende bereitete. Das gilt auch für all die anderen Hürden wie Rasse, Nationalismus, Sozialstatus und Religion, die so tiefe Spaltungen in der Menschheit hervorbrachten. Es ist natürlich leider wahr, dass im Laufe der Geschichte Menschen und Nationen, die für sich beanspruchten, Christen zu sein, andere Menschen oder Nationen verfolgten und bekämpften, die sich auch als Christen bezeichneten (genauso wie manchmal bekennende marxistische Länder andere marxistische Länder bekämpften). Aber ein solches Verhalten wirft ernste Zweifel auf, ob die betreffenden Parteien jemals wirklich mit Gott versöhnt wurden. Es spricht mehr dafür, dass ihr christliches Bekenntnis nur formal und oberflächlich war und dass sie – wie es das Neue Testament ausdrückt – »die Gnade Gottes [...] vergeblich empfangen [haben]« (2Kor 6,1).

Die zweite unermessliche Segnung ist diese: Eines Tages wird Gott die Gesamtheit der intelligenten Wesen mit sich selbst versöhnen (siehe das Zitat aus Kol 1,20 auf S. 35). Wieder heißt das leider nicht, dass jedes Wesen im Universum, der Teufel eingeschlossen, ergebene Freunde Gottes werden; denn Gott wird nicht den freien Willen einer jeden Kreatur wegnehmen, nicht einmal aus dem Grund, um aus Rebellen Heilige zu machen. Sondern es ist vielmehr so: Gott wird nicht ewig warten. Eines Tages wird er die Erde und das Universum wiederherstellen und neu gestalten. Das bedeutet, dass er gewaltsam alle, die in ihrer Rebellion gegen ihn verharren, entfernen muss. Aber wenn er das tut, kann niemand die Hand erheben in moralischem Protest. Das Kreuz Christi wird jeden Einwand zum Schweigen bringen. Alle hätten durch Gottes überragende Gnade auf Christi Kosten gerettet werden können. Nicht einmal jene, die ins Verderben gehen werden, werden Gott aus moralischen Gründen dafür kritisieren können. Das Universum wird vollständig befriedet sein (Offb 5,11-14).